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Wellenschlag - Story

Es war ein schöner Spät-Nachmittag gewesen. Noch so ein bißchen die Hitze vom Tag, die sich als Wärme auf die Haut legt. Doch schon der nahende Abend, die kommende Nacht. Die Schwärze und die Kälte der Nacht, die diese Hitze wegziehen, die den Menschen in Vorahnung frösteln lassen und die dadurch die Wärme fast angenehm machen, auch wenn man am Tage noch so sehr geschimpft hat. Die Bucht war nicht sehr tief, daher lagen wir weiter draußen vor Anker. Fast zwei Jahre waren wir umhergesegelt. Von Küste zu Küste, von Insel zu Insel. Nur kurz Proviant und Wasser auffüllen. Nur kurz die Nachrichten und Befehle abholen, die in den Häfen auf uns warteten.

Was wir die lange Zeit über so gemacht haben? Tut mir leid, aber ich darf nichts sagen. Unser ganzes Tun war streng geheim. Obwohl es bald dreißig Jahre seit damals sind, kann ich dennoch nichts sagen. Wir wurden alle einzeln ausgewählt und mußten einen Eid leisten zu schweigen. Und dürfte ich erzählen, so wären es doch keine aufregenden Geschichten. Keine Schlachten, keine wilden Abenteuer, keine Entdeckungen. Alles eher eintönig. Sie verpassen also nichts.

Aber an diesem einen Abend sollte sich mein Leben ändern. Bin seither nicht mehr zur See gefahren, habe nicht einmal meine Füße auf ein Schiff gesetzt. Ich traue mich nicht mehr. Lachen Sie nicht! Nicht, daß ich ein Angsthase wäre, aber ich traue dem Ganzen nicht mehr. Ich würde mich unsicher fühlen. Es ist wie bei den Menschen. Wenn man einmal von einer Person enttäuscht worden ist, dann vertraut man ihr ja auch nicht mehr, nie mehr. Und so geht es mir mit den Schiffen und der Seefahrt; das Vertrauen ist weg. Nun denn...

In ein, zwei Tagen würden wir nach Hause kommen; würden wir dort landen, wo wir gestartet waren. Wir freuten uns auf `Zuhause', freuten uns auf unsere Heimat. Nicht daß die Stimmung ausgelassen gewesen wäre, dafür waren wir zu diszipliniert und zu gewissenhaft. Nein, aber wir alle hatten diese Vorfreude in uns. Dieser Geruch nach Erde, nach festem Land, nach Bäumen war so unwahrscheinlich schön und aufregend. Vor allem war es der Geruch unserer nahen Heimat. Und dann diese warme Luft, die den Körper einhüllt und ihn umfängt. Der Himmel, an dessen Horizont das Rot verglimmt. Die freudige Erwartung. All dieses. Die Unruhe und Gespanntheit; Hast, die die wenigen verbleibenden Augenblicke nicht mehr aushalten will.

Es war absolut windstill. Die Luft stand. Kein Hauch, kein zartes Wehen. Nichts. Hätte sich bis zum folgenden Tag kein Wind erhoben, so hätten wir in der Bucht verbleiben müssen. Oder wir hätten unsere Boote losgemacht und das Schiff rudernd gezogen. Keine Wolke, kein Wind; nur die Wärme, die Stille, der Geruch nach Festland. Abend, Nacht. Gänzlich finster wurde es nicht, mit guten Augen ließ sich noch alles erkennen. Die Wärme, das Land, dieses ewige Wiegen des Schiffes, dieses ständige Wissen, daß man der Natur ständig ein Schnippchen schlägt, indem man ihren Gesetzen widerspricht, indem man das eine Naturgesetz gegen das andere ausspielt. Die Wärme, das Atmen der Anderen in ihren Hängematten, das nahe Land. Das Land, das Land. Die vielen Tage der Wiederholung, des endlosen Meeres, das sich stets wiederholt. Und das Ende, das Ende der Reise, das Abmustern so greifbar nahe. Die Wärme, die Windstille, das Land.

Ich weiß, daß es Wahnsinn war und daß es mich den Kopf hätte kosten können. Doch ich habe schon immer auf eine Instinkte vertraut. Eine Stimme raunte mir zu: "Das Land, sieh Dir nur das Land an, es ist nahe, es ist nahe, es ist festes Land, es riecht nach Erde, es riecht nach Unbeweglichkeit, es ist Land, es ist Land." Die Wärme, das Land, die Windstille. Ich schlich an den Nachtwachen vorbei und konnte unbemerkt ein kleines Boot zu Wasser lassen. Mit meinem Hemd und meiner Hose umwickelte ich die Ruder, so daß ihr Eintauchen keinen Lärm verursachte. Und unbemerkt konnte ich entkommen. Ich wollte nur ein paar Stunden am Strand schlafen und dann rechtzeitig zurückkehren. Würde ich dann erwischt, so würde ich eine Strafe willig auf mich nehmen. Ich denke, daß eine Sache, die man wirklich genießt, es wert ist, daß man für sie leidet. Aber darüber wollte ich mir noch keine Gedanken machen. Ich zog das Boot bis über die Flutgrenze und legte mich nieder. Die Luft stand noch immer. Durch die Anstrengung und durch die Wärme war ich mit Schweiß bedeckt. Sogleich schlief ich ein.

Ein Albtraum weckte mich. Aus der Dunkelheit schloß ich, daß ich nicht lange geschlafen haben konnte. Doch wie erstaunte ich, als ich sah, daß das Schiff fort war. Ich war alleine. Doch wie konnten sie weg? Es regte sich kein Lüftchen. Und wieso? Wieso mitten in der Nacht? Ich war alleine. Verlassen. Einsam. Was sollte ich tun? Nach Sonnenaufgang ergründete ich die Bucht und fand ein kleines Dorf. Man half mir. Zu Land kam ich in dem Hafen an, den wir zu Schiff verlassen hatten. Keiner wußte etwas. Nichts.

Ich verdiente mir den Lebensunterhalt mit unterschiedlichen Geschäften. Dort in jener Hafenstadt, ständig die Ohren offen für mögliche Zeugnisse von meinem Schiff. Nach Jahren dann vernahm ich etwas von einem Unglück. Ein Schiff hatte ein anderes gerammt. Nichts hatte auf die Katastrophe hingedeutet. Das andere Schiff war scheinbar aus dem Nichts aufgetaucht. Ruhiger Seegang, klares Wetter, hellichter Tag. Nicht weit von der Küste. Doch plötzlich war es da. Von jenem Geisterschiff überlebte niemand, zumindest wurde keiner geborgen. Der Mann, der mir davon erzählte, konnte mir sogar das Datum nennen. Denn es war der Tag, an dem er geheiratet hatte. Sie brachen seine kleine Feier ab. Die ersten Überlebenden wurden gebracht, die ersten Opfer behandelt. Daher wußte er noch immer das Datum. Ich hatte die Geschichte anfangs noch für ein weiteres Stück Seemannsgarn gehalten. Doch dann horchte ich auf. Der Tag war jener, an welchem mein Schiff verschwand. Tausende von Meilen, fast am anderen Ende der Welt hatte sich das Unglück ereignet. Am gleichen Tag. Dort war ein Schiff aus dem Nichts aufgetaucht, so wie mein Schiff in das Nichts verschwunden war.

Ich verließ die Stadt.

Seid nun so freundlich und reicht mir den Weinkrug. Meine Kehle dürstet es nach dem edlen Naß des Verdrängens.

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