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Die Wahrung

Kiombael lag erstarrt unter der Zeitpest. Allein in der Mitte der Wälder von Teramee regte sich noch Leben.

Denn über die weiten Wäldern wachte seit Generationen die Festung. Allein auf einem felsigen Hügel stehend, aus grauem Granit gemauert war sie das Symbol der Herrschaft. Aber auch nicht mehr. Denn seit Generation hatte kein Waldbewohner jemanden das Bauwerk betreten oder verlassen gesehen. Die Festung war quadratisch, mit einem quadratischen Turm an jeder Ecke und vier Reihen von schmalen Schießscharten in den Wällen. Das Tor war aus Eisen und nach langen Jahren noch immer ohne eine Spur von Rost.

Kein Wäldler sah, wie es sich seit Menschengedenken erstmals öffnete. Es öffnete sich nur. Keine Heerschar verließ die Festung, nicht einmal ein Haushofmeister sah nach dem Wetter. Die Nachricht vom offenen Tor machte rasch die Runde. Die Wäldler reden viel und gerne miteinander. Nach Stunden hatte sich eine unsichere Menschenmenge unter dem Hügel versammelt und betrachtete das ewig bekannte Gebäude, das mit klaffendem Tor nur noch fremdartiger aussah.

Niemandem war wohl bei dem Gedanken, durch dieses Tor zu schreiten und die Dinge zu erkunden, die ihn drinnen wohl erwarten würden. Andererseits gab es eine Art Verpflichtung, wenigstens einmal bis an das Tor heranzutreten und hineinzugucken. Das würde ja wohl nicht schaden? Zuletzt wurde der Bürgermeister der kleinen Walddörfer gedrängt zum Tor zu gehen. Dafür war er schließlich gewählt worden, oder?

Bedrückt stieg Hann Rabin den kahlen Hang hinauf, spürte zugleich die gespannten Blicke der Dörfler hinter sich und die abweisenden Augen der Festung vor sich. Im Wald war es kühl gewesen, doch jetzt brach ihm unter den dünnen Strahlen der Wintersonne der Schweiß aus. Er versuchte zuversichtlich voranzuschreiten – schließlich war er Bürgermeister – doch unter den Mauern der Festung wurde daraus ein besseres Kriechen. An dem geometrischen Wall entlang näherte er sich dem Tor.

Nie war ihm bewusst gewesen, wie regelmäßig ihre Anlage war. Näher kommend sah er die perfekt gleichmäßigen Quader des Mauerwerks. Nie hatte er gedacht, dass Menschen so bauen können – oder auch nur versuchen würden so zu bauen. Die Festung war kein Haus seiner Leute, war es nie gewesen, würde es nie sein.

Unvermittelt stand er vor dem Tor. Es war riesig, maßlos für einen Menschen, groß genug einen Baum darin zu pflanzen, der in hundert Jahren die Wölbung nicht erreichen würde. Der Durchgang war dunkel und der Boden mit Granit gepflastert. Kein Luftzug wehte hindurch.

Hann Rabin stand kurze Zeit zwischen den Türflügeln ohne Maß. Er hätte es hier gut sein lassen können, seinen Leuten sagen, dass es hier nichts zu sehen gibt und dass wer anderes denke selber gucken gehen soll. Doch da er nun so weit gegangen war wollte er auch zu Ende führen was er begonnen hatte. Er wagte einen zögernden Schritt in die Dunkelheit des Torbogens, dann zwei und dann viele. Um ihn wurde es düster, hinter ihm der gewaltige Bogen aus Licht kleiner. Vor ihm war nur Dunkel.

Überraschend trat er ins helle. Er ging nicht um eine Ecke und sah dann Licht vor sich. Er verfolgte nicht, wie sich aus dämmerigem Dunkel nach und nach ein Portal abzeichnete. Mit einem Schritt trat aus dem Dunkel des Durchgangs ins Helle und in den Sommer.

Er befand sich in einem quadratischen Hof, den ein Wald füllte. Ein perfekter Wald. Ein Urbild eines Waldes. Der Boden war mit kurzem, feinen Gras bewachsen. Die Bäume standen in ähnlichen Abständen. Die Stämme waren grau, von feingemusterter Borke. Die Kronen waren ähnlich hoch. Grün und dicht belaubt, mit ovalen Blättern, wie Apfelbäume. Ein leichter, warmer Wind ging hindurch, die Blätter raschelten leise.

Er blickte sich um. Sah hinter sich die Mauer und den gewaltigen Durchgang, suchte um sich nach den anderen vier Festungsmauern, die diesen Wald einschließen mussten, konnte sie nicht finden. Als ob er durch die Festung hindurchgeschritten sei um sie durch ein zweites Tor zu verlassen. Dabei hatte die Festung nur ein einziges Tor. Das wusste er sicher.

Er hörte ein dumpfes, zugleich sanftes, weiches Geräusch. Hann Rabin wandte sich um. Sah einen Mann in einem weiten, schwarzen Mantel. Als ob er aus einem der Bäume gesprungen sei. Mit einem eigenartigen Gesicht. Irgendwie mausartig, mit viel zu vielen Haaren, die viel zu glatt anlagen um Bart genannt zu werden. Mit Ohren, groß und beweglich. Mit einem Lächeln, dass viel zu viele spitze Zähne zeigte.

„Guten Tag“, sagte Hann Rabin, weil der andere nichts sagte und weil ja jemand ein Gespräch beginnen musste, „Bist du Herr dieser Festung?“ „Ich bin kein Herr von nichts und niemandem. Und dies ist keine Festung sondern eine Wahrung. Mein Name ist Eskirn Rrhe.“

Eskirn Rhe hatte viel zu sagen. Am Ende lief es aber auf zwei Sätze hinaus: Die Zeitpest endet. Die Wahrung entlässt was sie Jahrhunderte bewahrt hat.

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