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Ragon

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Ragon ist eine Insel im Asylia-Archipel und zugleich der abgekürzte Name der dort gelegenen Stadt Raganadon-op-Ragon.

Raganadon war der zentrale Außenhandelshafen von Danamere, bis es durch Hobano im Handstreich genommen bzw. "befreit" wurde. Hobano versuchte danach die Anerkennung Ragons als unabhängige Freie Handelsstadt und die Aufnahme Ragons in den Bund der Handelsstädte zu erreichen; tatsächlich steht Ragon aber weiter unter dem Befehl von Militärkommandeuren und Priestern aus Hobano. Danamere hatte zunächst mehrfach vergeblich versucht, Ragon zurück zu erobern, und sich dann auf eine Blockade der Seefahrtswege verlegt.

Erst nach einem Wechsel der Regentschaft Danaméres zum noch jungen Admiral Gilsendor, der fortan den traditionellen Titel des Hohen Tayong annahm, gelang den vereinten Flotten Danaméres mit Unterstützung des ragonesischen Widerstands (und heimlich angelandeter Spezialtruppen) ein nächtlicher Überraschungsangriff, der die Besatzungstruppen Hobanos ebenso vernichtete wie einen Teil des Regierungsviertels der Stadt (Partisanen hatten den Stadtpalast des hobanischen Gouverneurs angezündet). Seither geht der Wiederaufbau langsam, aber stetig voran, gebremst vom Exodus in den neuen zentralen Außenhandelshafen Danameres, Abernalon-op-Aberlon.


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Stadtplan von Raganadon-op-Ragon

Ein Brief aus Raganadon-op-Ragon Bearbeiten

Lieber Bruder,

nun bin ich also hier in Raganadon-o-Ragon angekommen. Dem ersten Anschein nach stellt sich unseren Plänen nichts in den Weg, im Gegenteil, sowohl von der Seite potenzieller Geschäftspartner als auch von offizieller Seite her habe ich bereits großen Zuspruch erfahren dürfen. Du würdest die Stadt nicht wieder erkennen. Der Eindruck allgemeiner Gleichgültigkeit, Müdigkeit und modischer Arroganz, für den sie vor dem Krieg berüchtigt war, ist einer erregten Geschäftigkeit gewichen – allerdings: der Hafen wurde zwar vergrößert, wirkt dafür aber im Vergleich zu Abernalon-o-Aberlon nur um so leerer.

Schon der erste Blick auf die Stadt bei der Einfahrt in die Bucht vermittelte einen völlig anderen Eindruck als bei unserem letzten Besuch. Die einst öden, sandigen kleinen Eilande und Landzungen, die die Einfahrt zur Bucht säumen, sind nun allesamt bewehrt. Auf ausladenden Fundamenten grüßen wohl ein halbes Dutzend Fackeltürme den Besucher – zwar unterschiedlich mächtig, doch alle mit wehrhaften Bastionen versehen, die starke Besatzungen und einige Katapulte beherbergen. Auch der Hafen selbst, der einst vom Feind erobert und mehrfach von Korsaren aus Alorr angegriffen wurde, hat sein Antlitz verändert: Die Molen wurden nicht nur verbreitert, sondern zur See hin auch mit mächtigen Wehrmauern und Wehrtürmen verstärkt, die sich bis zu ein halbes Dutzend Mannshöhen hoch über das Meer erheben, an der Basis rot, darüber im Sonnenlicht glänzender, Reichtum verkündender, heller und fein geäderter Marmor.

Links der Hafenanlagen – aus Sicht unseres einfahrenden Schiffs – steht der mächtigste und breiteste der bereits erwähnten Fackeltürme. In seiner Struktur erinnert er zwar an die der Fünf Türme auf dem Wappen der Stadt – ein runder Turm auf einer hexagonalen Basis –, es fehlt ihm aber deren Eleganz, ist er doch im Verhältnis zur Höhe gut doppelt so breit wie diese; zudem steht er nicht frei, sondern erhebt sich seinerseits über einer nochmals um das Doppelte breiteren, mit nicht mehr als drei Mannshöhen gedrungen wirkenden Bastion.

Diese Feste, die zu beiden Seiten in starke Mauern übergeht, verdeckt für ankommende Schiffe die Vordere Neustadt fast vollständig. So bezeichnen die Ragonesen die Stadterweiterung, die nun nicht nur die Roten Brüche zur See hin abschirmt, sondern auch über den Roten Bach hinweg reicht: dort nämlich liegt die Konterbiel, eine weitere große Feste, die mit der Vorderen Neustadt durch eine steinerne, überdachte Brücke verbunden ist. Eine zweite Verbindung zwischen den beiden Seiten des Roten Bachs stellt das Wehr dar, das weiter oben denselben überspannt. Du erinnerst diesen Bach vielleicht noch als das stinkende Rinnsal, das er einst darstellt, da das meiste Wasser bereits oberhalb der Roten Hügel in die Stadt abgeleitet wurde. Doch nun wird er durch das erwähnte Wehr zu einem kleinen See aufgestaut, bevor er in die Bucht fließt. Dazu später mehr.

Erst kurz bevor man in den Haupthafen einfährt, wird zur Steuerbordseite hin die zweite große Stadterweiterung sichtbar; davor bewacht eine befestigte Insel, die ich zumindest früher nie bemerkt hatte, die Einfahrt zum neu angelegten eigenen Hafen der Etrorischen Neustadt, an ihrer Spitze ein Turm, der an seiner Basis wohl drei Dutzend Schritt je Seite mißt, jedoch nicht ganz so hoch ist. Tatsächlich ist die Stadt in fast jeder Richtung gewachsen, auch landeinwärts, obschon sie heute kaum mehr Menschen beherbergen dürfte als zur lange vergangenen Zeit unserer ersten gemeinsamen Reise hierher. Ich hörte, dass die neue Stadtregierung wohl nicht zuletzt auf Zuwanderung aus anderen Teilen des Archipels setze, um die zur Zeit der Besatzung ausgelöste und auch danach noch lange anhaltende Abwanderung auszugleichen. Die Etrorische Neustadt soll da nur der erste Schritt sein; tatsächlich ist in deren Machairas schon ein weiterer Teil der Marschen ummauert und in die Stadtbefestigung einbezogen worden. Und auch die neuen Bezirke im Stadtgebiet selbst bieten noch reichlich Platz für Zuwanderer. Das Hafenbecken hat noch dieselbe Form wie damals, doch sind nicht nur – wie bereits berichtet – die äußeren Molen mit neuen Wehranlagen versehen, den Hafen selbst trennt nun auch eine starke, mit Türmen versehene Mauer vom Rest der Stadt. Und mehr noch: Zwischen den Anlagen des Stein- und des Haupthafens erhebt sich auf dem früheren Mittelkai ein neuer Festungsbau; hinter dieser wiederum trennt der Hafenzwinger die beiden Hafenteile voneinander und von der Stadt. Der Steinhafen liegt – wie Du sicher noch erinnerst – hinter der rechtwinklig gen Machairas umknickenden Ophis-Mole der Hafenanlagen; doch wurde diese nicht nur um das Doppelte verbreitert, sie trägt nun auch eine umlaufende Wehrmauer und an ihrem Knick einen die gesamte Breite überdeckenden Torturm. Wurden früher dort allerhand Waren umgeschlagen, ist dieser Teil des Hafens nun allein dem Export ragonesischen Marmors und gelegentlich auch Rotsteins vorbehalten. Alle anderen Schiffe bekommen einen Lageplatz im Haupthafen zugewiesen. Auch die Machairas-Mole wude verbreitert, zudem wurde sie an ihrem Ende durch einen T-förmig angelegten Querbau erweitert, der fast zur Gänze durch einen bis zu sechs Stock hohen und breiten Festungsturm belegt ist, auf dessen Dach Katapulte und Trebuchet-Schleudern aufgebaut sind. Die so geschützte Mole dahinter – nun bis zu einem halben Gros Schritt breit – ist zwar selbst frei von Wehranlagen und bietet nun sogar beidseits Anlegeplätze, doch der eigentliche Zugang zu Lagerstadt und Haupthafen ist von dieser Mole nur durch einen gedeckten Zwinger möglich, auf dessen Dach ständig Wächter stationiert sind. Im Gebiet des Haupthafens selbst wirst Du kaum ein Gebäude aus der Zeit vor der Besatzung finden; dem Vernehmen nach sind viele während der Nacht der Befreiung abgebrannt, der Rest wurde später zugunsten moderner Lagerhallen und Kontore abgerissen. Dabei wurde der Hafenbereich auch an einigen Stellen in Richtung Stadt erweitert und verschoben, an anderen durch die neuen, starken Mauern verkleinert, die nun die Grenze zur Stadt markieren. Ich konnte keine der Kaschemmen mehr finden, in denen wir damals den einen oder anderen Abend verbracht haben, selbst der Verlauf der meisten Gassen und Straßen hat sich völlig verändert.

Schon hier im Hafenbezirk fällt dabei auf, dass kaum eine der neuen Straßenführungen über mehr als zwei Blöcke hinweg gerade und rechtwinklig verläuft. Um die Zugänge zu den Stadttoren zu erreichen, muss man in der Regel zumindest einmal scharf abbiegen, und selbst noch in den meisten Zwingern liegen die Tore nicht einander gegenüber, sondern in einem Winkel zueinander. Das aber ist hier kein über Generationen zufällig gewachsenes Chaos, sondern durchdachte Stadtplanung: Die erlebte Besatzung durch eine zahlenmäßig eher schwache Truppe hat den Wiederaufbau geprägt. Viele Gebäude der inneren Stadt wurden mit verstärkten Mauern versehen, die Fenster im Erdgeschoss zu schmalen Schlitzen reduziert; und alle Straßen wurden bewusst so angelegt, dass von außen kommend kein rasches Durchpreschen möglich ist und den Verteidigern ihre genauen Ortskenntnisse größere Vorteile verschaffen als das sonst möglich wäre. Für den Handel allerdings bedeutet dies, dass die vielen schweren Lastkarren, die sowohl im Hafen als auch auf der Steinstraße unterwegs sind, immer wieder rangieren müssen und so den Verkehr aufhalten. Und auch friedliche Besucher wie meine Wenigkeit selbst neigen dazu, uns auch nach mehreren Wochen in der Stadt immer noch nur allzu leicht zu verlaufen...

Die Alte Hafenwache im mittleren Teil des Hafengeländes ist eines der wenigen erhalten Gebäude aus der Vorkriegszeit, wurde aber gründlich umgebaut und zu einem Berchfrit verstärkt. Im Machairas des Hafens fällt der ummauerte Varrer Bezirk auf, hexagonal angelegt und von einem gewaltigen Tempelbau der gleichen Form beherrscht. Die Tore zu diesem Bezirk werden durch die eigenen Garden der Varrer bewacht und kontrolliert. Ich erwähnte ja bereits den großen Hafenzwinger; noch drei weitere Tore verbinden den Hafen mit der Stadt, jedes durch einen eigenen, kleineren Zwinger geschützt: Das Bachtor zwischen dem Stadtbach und einem der beiden Haupttürme der Hafenmauer; das Altmarkttor, das ins Gassengewirr einer der wenigen erhaltenen alten Stadtbezirke führt sowie das Lagerstadttor. Die Lagerstadt liegt nach der Stadterneuerung schlauchartig eingezwängt zwischen der neu errichteten Hafenmauer und der Mauer zur Etrorischen Neustadt, die dem Verlauf der alten äußeren Mauern folgt. Hier finden sich bewachte Lagerhäuser ebenso wie die Kontore der gehobeneren einheimischen Handelshäuser; am Übergang zur eigentlichen Stadt liegt der Lagermarkt: Du erinnerst sicher die hexagonal angelegte, prunkvoll ausgestattete Markthalle, in der schon damals Fernhändler allerlei Import- und Exportwaren präsentierten. Mir scheint, sie habe den Krieg fast unverändert überstanden, doch viele der umgebenden Gebäude mussten dem Bau der Hafenmauer weichen und wurden durch neue, meist kleinere ersetzt. Leider konnte ich in der Nachbarschaft des Lagermarkts noch keine geeigneten und verfügbaren Räume für unser neues Kontor auftreiben. Ich habe daher vorläufig ein Gebäude im Hafen selbst als Lager und Kontor angemietet, hoffe aber noch vor meiner Rückkehr zumindest für das Kontor einen Standort zu finden, der repräsentativer in der inneren Stadt gelegen ist. Das Warenlager selbst kann ja gut erreichbar im Hafenbezirk bleiben; es gibt auch dort genügend Einrichtungen mit ausreichender Sicherheit. Unser derzeitiges Lager befindet sich in der Mitte eines größeren Komplexes unmittelbar am Kai; zu beiden Seiten wie auch zur Rückseite befinden sich direkt angebaute, aber durch dicke Mauern getrennte Lager anderer Händler. Die Kontorräume sind in einem Stockwerk über der Lagerhalle untergebracht, wobei man von einer hölzernen Galerie aus den gesamten Lagerraum übersehen kann.

Doch nun will ich Dir von der Stadt selbst berichten. Mein erster Gang führte mich durch das Altmarkttor, das einen offenen Zwinger aufweist: Das heißt, der hafenseitige Zugang steht zwar immer offen, der Weg zum eigentlichen Stadttor führt jedoch zwischen mit Schießschaften versehenen Wehrmauern hindurch und biegt dabei zweimal scharf ab.

Der Altmarkt blieb weitgehend verschont von den Zerstörungen während der Befreiung und auch bei der nachfolgenden Stadterneuerung; lediglich die Gebäude direkt an der neu errichteten Hafenmauer wurden umgestaltet oder sogar gänzlich erneuert. Das Gassengewirr hinter dem Altmarkttor ist daher nicht wie anderswo in Raganadon sorgfältig geplant, Angreifer zu verwirren, erreichte aber in meinem Falle dennoch denselben Zweck. Verstärkt wird dieser Effekt allerdings noch durch die neu errichteten Tordurchgänge, die man auf dem Weg vom Altmarktplatz in andere Stadtteile unweigerlich zu passieren hat. Diese Durchgänge – teils einige zwölf Dutzend Schritt vom Altmarktplatz in ohnehin engen Gassen gelegen – wirken äußerlich zwar wie ein Teil der alten Häuser, zwischen die sie sich schmiegen und die sie mit Übergängen verbinden; doch sind sie, so wurde mir berichtet, durchaus mit dem Gedanken der Verteidigung neu errichtet. Sichtbare Anzeichen dafür sind das dicke Mauerwerk, gelegentlich versteckte Schießscharten oder Falltüren in der Decke der Durchgänge. Gelegentlich sieht man auch eine der Wachen; meist aber sitzen sie unsichtbar für die Passanten in ihren Wachstuben über den Durchgängen.

Zwar findet auf dem Altmarkt noch regelmäßig ein Wochenmarkt statt, und ringsum lassen sich viele kleine Ladengeschäfte mit teils recht speziellem Sortiment entdecken, doch der eigentliche Handel hat sich in andere Bezirke verlagert. Statt dessen lebt der Altmarkt erst abends richtig auf, denn hier findet sich die größte Dichte an Kneipen, Kaschemmen und auch gehobeneren Etablissements in der Stadt, sowohl zum Amüsement der Seeleute und Reisenden als auch der Bürger der Stadt selbst. Dem Vernehmen nach eher selten aber kommt es zu den aus ähnlichen Bezirken anderer Städte bekannten blutigen Händeln, vermutlich da die Präsenz der Stadtwache – wie ja schon geschildert – allgegenwärtig scheint.

Würde man sich vom Altmarkt aus nach rechts wenden, so würde man schließlich über Nebenstraßen zur Lagerstadt gelangen. Die von dort ausgehenden breiten Straßen lassen aber den Altmarkt links liegen, um - nach einigen scharfen Knicken – schließlich auf das Steintor zu zu führen. Auf einer Karte würde dieses Tor wohl auch vom Altmarkttor her gesehen in gerader Linie über den Altmarkt hinweg zu finden sein, doch tatsächlich ist der Weg dorthin zunächst von vielen Richtungswechseln in engen Gassen geprägt, bis man schließlich vorbei an einer ansehnlichen Allmende-Obstwiese neben einem großen Wasserreservoir zu den prunkvollen Gebäuden entlang der Unteren Steinstraße kommt, die meisten im Besitz alteingesessener, reicher Händlerfamilien, die entlang der Steinstraße ihre Kontore und am dahinter liegenden Innenhof ihre Stadtvillen errichtet haben.

Die Steinstraße beginnt am Steintor-Zwinger, der an der Stelle eines der einstigen Fünf Türme errichtet wurde. Durch diesen großen und durch zwei einander diagonal gegenüber stehende Turmfestungen geschützten Zwinger kommen die Transporte aus den Marmorbrüchen im Landesinneren in die Stadt. Der Steinhafen findet sich ja nun sozusagen auf der gegenüberliegenden Seite der Stadt, da er einst in der Nähe der Rotsteinbrüche dort errichtet wurde; mittlerweile ist es aber vor allem der aus dem Hinterland stammende Ragoneser Marmor, der dort verschifft wird. Am Steintor-Zwinger verteilen sich die Marmor-Transporte auf die zunächst entlang der Mauer führende Obere und die auf direktem Wege quer durch die Stadt zur Steinbachbrücke führende Untere Steinstraße. Die Obere Steinstraße geht später in die Bachstraße über, die sich wiederum an der Steinbachbrücke mit der Unteren Steinstraße kreuzt und deren Fortsetzung weiter zum Bachtor und damit zum Haupthafen führt; die Steinstraße dagegen zieht sich im großen Bogen weiter durch fast die ganze Altstadt bis zum Hafenzwinger und zum Steinhafen. Die schweren, eisenbereiften Wagen auf den gut gepflasterten Straßen machen die Steinstraße zu einem eher lauten Verkehrsweg, der aber zugleich den Reichtum der Stadt symbolisiert und nicht zuletzt deshalb eine begehrte Adresse darstellt.

Folgt man nun also der Unteren Steinstraße vom Steintor hinunter, wird man daher viele prachtvolle, ja palastartige Villen bewundern können. Einige schließen einen größeren oder kleineren Innenhof ein, andere schirmen einen parkartig angelegten, mit hohen Mauern umzogenen Garten zur Straße hin ab; vermutlich gibt es auch noch andere Varianten, doch sind sie der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Wie vereinbart hatte ich zunächst das Kontor der Salubalinan aufgesucht; ihr Haus in der Steinstraße gehört eher zu den kleineren und hat einen kreisrunden Innenhof mit lediglich knapp zwei Dutzend Schritt Durchmesser. Sie vermittelten mir einen Termin bei den Narufaloninan, einer sehr alten und immer noch reichen Handelsfamilie, die aber wohl in den letzten Generationen etwas den Anschluß verloren hat und ihr Netzwerk nun neu aufbauen will. Sie bewohnen ebenfalls an der Steinstraße einen alten, zweiflügeligen Palast, hinter dem sich ein etwas verwilderter Park mit hohen Bäumen erstreckt; leider konnte ich während meines Besuchs nur aus dem Fenster des im ersten Stock befindlichen inneren Kontors einen kurzen Blick darauf werfen. Dafür fielen mir die üppigen Dekorationen der Innenräume auf: deutlich prunkvoller, verspielter und auch – unter uns kann ich es ja offen sagen – auch dekadenter als das, was auf Groß-Danamère in vergleichbaren Palästen aus jener Zeit zu finden ist.

Doch zurück zu unserer angenommenen Wanderung durch die Stadt: Durch viele der Gärten dieses Bezirks zwischen Steintor und Steinbachbrücke laufen kurze Kanäle, und auch vor einigen der Paläste finden sich kleinere oder größere Brunnenanlagen, die meisten versorgt aus einem außerhalb der Stadtmauer angelegten Reservoir. Diese wird über einen Kanal aus dem Grünen Bach gefüllt, der in den Hügeln im Klados der Stadt entspringt, die die großen Marmorbrüche beherbergen. Weiter unten nimmt das Gefälle der Straße leicht zu, bevor die breite Steinbachbrücke den Stadtbach überspannt, dessen Wasser ebenfalls überwiegend aus dem Grünen Bach stammen und mehrere Mühlen versorgen. Zwischen Stadtbach und Mühlgraben – dessen Reservoir wiederum aus dem Roten Bach gespeist wird – liegt der Regierungsbezirk; eine gerade Prachtstraße führt von der Steinstraße auf das Obertor und den Sitz des Stadtherrn zu. Zuvor passiert man aber rechter Hand das Alte Schloß; die bei der Befreiung ausgebrannte Ruine wurde zum Sitz der Admiralität umgebaut; viele der umliegenden prachtvollen Stadthäuser enthalten Offizierswohnungen.

Der Stadtherren-Palast selbst wurde weiter oben direkt vor dem Obertor-Zwinger neu errichtet und hat nun den Charakter eines (allerdings mit Marmor-Fassaden und mosaikartigen Marmor-Ornamenten versehenen) Festungsbaus mit zwei kleinen Ziertürmen rechts und links. Auch die umliegenden Gebäude – teils Amtssitze und Stadtwohnungen verschiedener hoher Stadtbeamter, teils Patrizier-Wohnsitze – wurden sämtlich neu errichtet, beginnt doch hier die große Stadterweiterung in die Roten Brüche hinauf, wie der hügelige Landstrich zwischen Altstadt und Rotem Bach aufgrund der vielen Steinbrüche genannt wird, die auch für die jüngste Stadterweiterung den Großteil des Materials geliefert haben. Der einst entlang des Fußes dieser Hügel verlaufende Stadtgraben zum Ophis hin liegt nun als Alter Graben mitten in der Stadt und stellt neben Stadtbach und Mühlgraben die dritte Hauptader der Wasserversorgung für Mühlen und andere Betriebe dar. Jenseits des Alten Grabens finden sich neben einigen Stadthöfen, die nun das Hohe oder das Obertor nutzen müssen, um zu ihren vor der Stadt gelegenen Feldern zu kommen, auch mehrere neu errichtete Villen mit ummauerten großen Gartenanlagen, sowohl von Neuem als auch von Altem Geld, wie man hier zu sagen pflegt. Als Altes Geld werden die Patrizierfamilien bezeichnet, die nicht nur ihren Namen, sondern auch ihr Vermögen über die Wirren von Besatzung und Befreiung retten, ja sogar vermehren konnten. Dagegen fasst der Volksmund jene Vermögen, die erst im Zuge des Wiederaufbaus entstanden oder auch neu hierher verlagert wurden, sowie die diese Vermögen besitzenden Handelsherren und Sippen als „Neues Geld zusammen. Zwischen diesen palastartigen “Gebäuden finden sich allerdings auch noch viele leere Grundstücke, teils bereits ummauert, teils noch als Weiden und Obstanlagen genutzt. Abgebrochen wurde das alte Rote Tor; von ihm blieb nur ein freistehender Turm, an einer Seite abgestützt durch das neue Gildenhaus der Maurer und Bauzimmerleute, die hier zu außerordentlich hohem Ansehen und Einkommen gekommen sind. Vom so neu entstandenen Maurerplatz windet sich die Straße zum neuen Hohen Tor hinauf, das nun den Zugang zu den Rotstein-Brüchen ermöglicht. Seit der Stadterweiterung ist dies tatsächlich die einzig verbliebene direkte Verbindung zu diesen alten Steinbrüchen. Nicht nur die neuen Mauern sind aus diesem stabilen, doch zugleich gut zu bearbeitenden Stein errichtet, auch die meisten der Häuser – wobei aber die wohlhabendere Bevölkerung ihre Fassaden zumindest mit Marmorplatten verkleidet, so dass der Rotstein das Stadtbild nicht mehr so durchgehend beherrscht wie einst. Durch die umfangreichen Baumaßnahmen, insbesondere zur Errichtung der gewaltigen neuen Wehranlagen, wurden insbesondere die tiefsten und härtesten – so erklärte es jedenfalls Kandirinon Salubalinan mir eines Abends – Schichten der Steinbrüche im Rotbachtal nun bis zum Grund ausgebeutet. War früher schon der Rotbach durch das viele im Oberlauf entnommene Wasser dort, wo er die Brüche durchschneidet, nur noch ein schlammiges Rinnsal, so wurde er nun gar komplett oberhalb aufgestaut und trockengelegt, um bis tief unter dem alten Bachbett den Stein herauszuholen. Einige Tausend Schock Schachtruten Material, so behauptete Kandirinon Salubalinan jedenfalls, wurden dort herausgeschafft, um die neuen Mauern, Türme und Tore zu errichten. Zwar glänzen die oberen Geschosse vor allem der seeseitigen Anlagen sämtlich in Marmor, doch handelt es sich dabei um meist nur handdicke Fassadenplatten. Zudem wurde hier überwiegend Ausschussware verarbeitet, die sich für den Export nicht mehr eignete, deren Fehler aber durch die befähigten Handwerker und Steinmetze der Stadt nicht nur geschickt versteckt, sondern teils sogar zur Erschaffung prächtiger, mosaikartiger Ornamente genutzt wurden. So ist Ragon heute – jedenfalls von See her gesehen – sicher wieder eine der, wenn nicht gar die prachtvollste Stadt des danamerischen Inselkreises.

Zurück zur Geschichte der Roten Brüche: Nachdem nun also der Abbau ein tiefes und breites Loch im unteren Tal des Roten Baches geschaffen hatte und der Bedarf an hartem Rotstein weitgehend gestillt war, öffneten die Baumeister nicht sofort den Damm im Oberlauf und ließen das Wasser des Baches die tiefen Steinbrüche fluten; nein, zuvor noch vertieften sie den Unterlauf zu einem gerade noch schiffbaren Kanal zur offenen See. Zwischen diesem Kanal und dem gefluteten Steinbruch errichteten sie das Wehr, das die Stadt heute mit der Konterbiel verbindet. Dieses Wehr ermöglicht ihnen, das Niveau des entstandenen Bruchsees so zu regeln, dass es je nach Jahreszeit bis zu zwei Schritt über dem des Kanals liegt. Eine Schleuse ermöglicht dennoch einzelnen Schiffen die Durchfahrt von der Ragoneser Bucht hinauf in den Roten See; seither nutzt nicht nur die ragoneser Küstenwache den Roten See als verborgenen Kriegshafen, sondern es haben sich dort auch einige Werften angesiedelt.

Selbst konnte ich es zwar noch nicht beobachten, doch offenbar findet alljährlich ein Manöver zur Belustigung der Einwohner Raganadons statt, bei dem beide Schleusentore des Wehrs zugleich geöffnet werden und eine kleine Flotte mit der Flutwelle in die Bucht hinab schießt, um dort vorgebliche Piraten zu überraschen, die von einer zweiten Flottille dargestellt werden. Diese zweite Flottille hat dem Hörensagen nach meist allerdings schon allein damit zu kämpfen, ein Kentern aufgrund der Flutwelle zu vermeiden.

Doch ich schweife erneut ab – und dabei sollte ich wohl nun bald zum Ende kommen und alles Weitere auf mein nächstes Schreiben verschieben. Zuvor will ich aber doch den Rundgang auf der Steinstraße noch zu vollenden versuchen. Bevor ich meinen geistigen Ausflug rechts hinüber zum Obertor begann, standen wir ja mitten zwischen Stadtbach und Mühlgraben. Wären wir stattdessen in Gedanken wie geplant weiter der Steinstraße gefolgt, hätten wir durch jede der beiden folgenden nach links abgehenden Querstraßen einen Blick auf das neue Hippodrom Raganadons werfen können, das wohl größte Gebäude der Stadt mit seinem großen Oval überdachter Sitzreihen. Errichtet in einem Winkel der neuen Hafenmauer, nachdem der einst dort zu findende, übel beleumundete Hinterhafenbezirk komplett abgerissen worden war, kann es sich tatsächlich rühmen, nochmals um ein Drittel größer als altehrwürdige 31 und weithin bekannte Hippodrom Abernalons zu sein – auch wenn es ihm sicher nie gelingen wird, an dessen Traditionen und dessen Ruhm anzuknüpfen. Direkt dahinter findet der Einheimische auch das Neue Theater, dessen Halbkreis sich ebenfalls an die Hafenmauer schmiegt und dessen Ränge angeblich einem Großgros von Zuschauern Platz bieten sollen. Um nun aber endlich zum Steinhafen zu kommen, dürfen wir eben nicht zum Theaterbezirk abbiegen, sondern müssen stattdessen geradeaus die Brücke über den Mühlgraben nehmen und erst danach der nach links führenden Straße folgen; nach wenigen Hundert Schritten stehen wir dann vor dem Tor zum Hafenzwinger. Wenden wir uns im Hafenzwinger dann erneut nach links, haben wir den Kreis vollendet und wieder den Haupthafen erreicht; rechts aber geht es in den separaten Steinhafen, in dem es zwar nur wenige Lagerhäuser gibt, dafür aber eine beeindruckende Ansammlung unter freiem Himmel gelagerter großer Marmorblöcke und -platten.

Vermutlich wirst Du nun schon über mein viel zu langes Schreiben stöhnen; daher werde ich meinen weiteren Bericht auf einen späteren Brief verschieben. Ich lege Dir jedoch noch Kopien der abgeschlossenen Verträge sowie weiterer Unterlagen bei. Außerdem habe ich nicht nur die Stadt an-, sondern auch die Bücher unserer hiesigen Niederlassung durchgesehen; eine Zusammenfassung der aktuellen Zahlen aus Kasse und Lager füge ich diesem Schreiben in der vereinbarten Codierung und getrennt versiegelt hinzu. Wie daraus hervor geht, blieben die Profite bis zu meiner Ankunft deutlich hinter den Erwartungen zurück; die vorgenommene Neuordnung sollte dies aber in kurzer Frist ändern.

In Respekt und Liebe

Dein Bruder

Sillasaniuras

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