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Aus einem Reisebericht:

Im Abendrot erreichten wir Midhavn, und ich erstellte einigermaßen erleichtert fest, dass die »Flußdrachenbraut 2« noch im Hafen lag. Kor Ajun-Tan lehnte an der Reling des Steuerdecks und rief zu mir herunter: »Ha, da seid Ihr ja! Gut, so müssen wir nicht auf Euch warten – wir sind voll beladen und wollen im Morgengrauen die Anker heben. Nun kommt an Bord, wascht Euch und wechselt Eure Kleider. Beim Abendmahl dürft Ihr dann erzählen, wie Ihr es geschafft habt, Euch so einzudrecken.«
Ich schaute an mir herunter. Tatsächlich hatte der Schlamm des Gebirgsbaches nicht nur meine Beinkleider total verschmutzt, auch mein Rock war über und über von Schlammspritzern bedeckt. Von den vielen Schrammen und Rissen gar nicht erst zu reden.
Meine Kabine auf der »Flußdrachenbraut 2« war zwar komfortabel, doch ein Bad fehlte ihr. So reinigte ich mich am Waschtisch mit Flußwasser und legte anschliessend neue Kleider aus meiner Reisetruhe an – auch diese schon etwas mitgenommen, doch in einem Waschhaus der Hauptstadt frisch gereinigt und geplättet.
Beim späten Abendessen im Schein der Schiffslaternen berichtete ich dann von meinen Abenteuern. Als ich zu meinen Erlebnissen mit dem Wildbach kam, erntete ich einige »Ah« und »Ohs« - aber auch amüsierte Blicke.
Früh am anderen Morgen ging die Reise weiter. Tatsächlich war die Sonne noch nicht aufgegangen, als mich das Geräusch der Ankerwinde weckte. Nach einer Katzenwäsche zog ich mich rasch an und eilte auf Deck.
Dort füllten sich eben die Segel mit der Morgenbrise, die unsere Fahrt mit der Strömung unterstützte; im Mitteltal nämlich ist es so, dass morgens regelmäßig der Wind talabwärts, nachmittags aber talaufwärts bläst. Mit dieser Unterstützung kamen wir an diesem und auch am folgenden Vormittag sehr schnell voran. Die erste Nacht verbrachten wir bei einem Dorf am Ophis-Ufer, wo gerade eine Hochzeit mit Tanz und reichlich Bier gefeiert wurde; ich genoß die rustikale Gastfreundschaft.
Der Ruiji floß nun mehr oder weniger genau gen Thysias. Die Höhen im Bathron rückten zugleich immer näher an den Fluß heran und schienen dabei weiter anzuwachsen. Gegen Abend – die Segel waren mittlerweile gegen Ruder getauscht – endete das fruchtbare Land auf der Moyta-Seite schließlich in von Sandgruben unterbrochenen Geröllhalden, durch die sich der Treidelpfad seinen Weg bahnen muss, dicht unter den eine immer goldenere Tönung annehmenden Sandsteinfelsen, die nicht nur unbesteigbar steil sind, sondern auch dazu neigen, unter jedem Kletterer hinweg zu bröckeln. Hoch über dem Tal haben hier die Moyta-Felsdrachen und die Klippadler ihre Höhlen in den weichen Stein gegraben; ihre Silhouetten hoben sich beeindruckend gegen den sich allmählich rot verfärbenden Abendhimmel ab.
Bald darauf ließ Kor Ajun-Tan einen marode wirkenden Verladeplatz an einem kleinen, offenbar derzeit nicht betriebenen Sandsteinbruch ansteuern und dort Anker werfen. »Die Wasser vor uns sind zu gefährlich, um sie nachts zu befahren. Außerdem kommen wir morgen früh, wenn der Wind wieder richtig weht, sowieso in einer Stunde so weit wie wenn wir die halbe Nacht durchfahren würden.«
Da ich in der vorigen Nacht nur wenig Schlaf gefunden hatte, legte ich mich schon kurz nach Einbruch der Dunkelheit in meine Koje und löschte das Licht. Trotzdem wurde ich aus dem Schlaf gerissen, als die Ankerkette rasselte und laute Schritte auf Deck hin und her eilten. Noch bevor ich wieder an Deck war, hatten wir nicht nur abgelegt, sondern mit gutem Rückenwind schon die erste Meile zurück gelegt.
Linkerhand war nun nur noch ein schmaler, felsiger Streifen zwischen dem Strom und den Wänden der Schlucht; rechts dagegen grüne, saftige Wiesen, obwohl auch die zu den Ruika-Bergen hinauf führenden Klippen weniger als eine Meile vom Fluß entfernt in mehreren Stufen hinaufragten, die selbst dem größten Riesen zu steil gewesen wären.


Schließlich machte das Tal eine scharfe Biegung nach Stauros, die Segel flatterten mit einem lauten Knall, bevor sie neu gefiert werden konnten, und vor uns lag das Ende des Mitteltals: Im Ophis sprang unvermittelt ein hohes Felsmassiv aus den Ruika-Bergen hervor und engte den Strom erneut so ein, dass er zu schäumen begann. Diese Sperre aus katzengoldgesprenkeltem, von diagonal laufenden roten Sandsteinschichten durchbrochenem Granit ist den Kartographen als die Adlerberge bekannt.


Der Ruiji aber schmiegt sich nun so eng an den Fuss dieser Adlerberge, dass kein Raum zwischen schäumendem Wasser und Klippen bleibt, ja diese manches Mal unterspült werden, wo weicheres Gestein den Granit unterbricht. Das gegenüber liegende Ufer der Ruika-Berge dagegen steigt zugleich so hoch an, dass es nur vom Frühjahrshochwasser gelegentlich überspült werden kann; der bei Tiefwasser im Sommer genutzte Treidelpfad wurde in harter Arbeit in den hier ungewöhnlich festen Sandstein der Uferböschung geschlagen. Alle paar Jahre, so sagte mir Kor Ajun-Tan, muss er erneuert werden; die Männer, die diese Arbeit übernehmen, werden hoch geehrt und gut genug bezahlt, dass sie zwei ganze Jahre davon leben können.

Die Goldene Pforte wird dieser Durchlaß genannt. Und wirklich: Im Ophis aber wurden die Granitklippen des Adlerkaps schon nach wenigen Meilen von goldenem Marmor abgelöst, den der Ruiji in vielen Jahrhunderten so unterhöhlt hat, dass wir der Morgensonne unter einem von deren Strahlen wie flüssiges Gold erleuchtenden Dach entgegen fuhren. Und als im Laufe des Vormittags die Sonne uns ihre Strahlen durch die enge Schlucht entgegensandte, strahlten auch die jedes Jahr ihre Form verändernden Sandsteinklippen des Machairas golden auf. Mehr als einen halben Tag dauerte so unsere Fahrt durch diese golden leuchtenden Felsen links und rechts des Flusses.