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Freundliche Menschen

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Freundliche Menschen - Eine Geschichte von Yhllgord

Das menschliche Wesen ist schon ein sehr neugieriges Geschöpf. Welch ein Genuß, in den Sachen anderer Menschen herumzuwühlen, sich in aller Ruhe alles zu beschauen, in den tiefsten Geheimnissen zu stöbern. Welch eine Freude! Weist man jegliche Neugier auch weit von sich, bestreitet man auch jegliche Regung, die einen Eingriff, die einen Übergriff in das Sein des Mitwesens bedeuten würde, so wird man dennoch bei Gelegenheit, in der einem niemand über die Schulter blicken kann, eifrig diesem Triebe folgen. Doch wieso diese Gier auf die intimen, auf die geheimen Dinge? Wieso die Unterkleidung und nicht der Rock? Ist es das Verlangen, auf diese Weise, vielleicht sogar durch den Schmutz zu triumphieren? Verliert die überlegene Person an ihrer wirklichen Überlegenheit, wenn wir ihr die löchrigen Socken übelnehmen können? Sehen wir also die stärkere Person und fordern wir von ihr absolute Perfektion mit dem Hintergedanken, daß wir eine kleine Macke erhaschen werden? Und sind wir daher neugierig bei unseren Widersachern und möglichen Konkurrenten; bei jenen Wesen, die uns von unserem eigenen Status als Gott vertreiben könnten? Ist dem so?

Meine Arbeit als Laufbursche in diesem kleinen Gasthaus ist eigentlich eher unangenehm. Gepäck tragen, Lebensmittel tragen, Fässer tragen, schmutziges Geschirr tragen, Essen tragen, Abfälle tragen. Und immer nett zu den Herrschaften sein. Immer lächeln, stets vergnügt sein, nie schlechte Laune haben, nie den dummen Gast schelten, wenn er ein Mißgeschick bereitet. Und diese ständigen Demütigungen! Tu das, mach dies, spring hier, eile dich dort! Tu und mach und renn und lauf und trödle doch nicht so! Nichts ist man in den Augen dieser Herrschaften. Auch nicht viel mehr in den Augen meiner Besitzer. Zudem dieser geistige Stumpfsinn! Keine gepflegte Konversation, keine intellektuellen Vergnügungen, keine Möglichkeiten, den Esprit auszuleben. Nichts als Arbeit, Essen, Schlafen und gelegentlich ein paar Minuten mit einer Dirne oder einem billigen Knaben. Welch ein Leben! Aber was will man, was will ICH machen mit dem Hirn eines Genies, aber dem Aussehen und der Herkunft eines Monsters.

Doch manchmal habe ich besagtes Vergnügen, in dem Besitz eines Gastes zu stöbern, hier und dort zu blättern, zu befühlen, zu beschnuppern, zu begutachten. All dies bevor ich es den Flammen übergebe. Welch interessante Interssantheiten dabei so zutage treten.

Ein Tagebuch zum Beispiel; Ort der intimen Ergüsse, Ort der unverschämten Offenheiten, aber auch gelegentlich Ort der allergrößten Lügen.

"Dies ist mein erster Tag in diesem kleinen Dorf. Wie beschaulich und adrett alle Häuser sind. Die Straßen sauber und reinlich gekehrt. Und erst die wundervolle Natur. Umgeben von Wäldern, gebettet in wundervolle Wiesen, gehüllt in den milden Duft der freien Natur. Die Menschen scheinen allgemein nett und sehr höflich zu sein. Obgleich mich niemand kannte und obgleich ich nur so durch die schmalen Gassen schlenderte, zogen alle, d.h. natürlich nur die Herren (Haha; wie beschwingt ich bereits durch diesen einen Tag bin!!), den Hut und grüßten freundlich. Die Damen knicksten. Als ob ich ein großer und bekannter Herr wäre. Sie grüßen mich, den Fremden, von dem sie nicht eimal wissen, ob er je wieder in dieses abgelegene Dorf kommen wird. Welch angenehmer und feiner Brauch.

Welch schöne Abwechslung nach dem Trubel der Stadt. Sicherlich werde ich mich bald heimisch fühlen. Das Ehepaar, welches das Gasthaus betreibt, in dem ich abgestiegen bin, war ausgesprochen freundlich zu mir. Sie waren mir behilflich, wiesen mich auf die Schönheiten der Gegend hin und versprachen mir, mich mit den wichtigsten Persönlichkeiten bekannt zu machen. Äußerst zuvorkommend. Da existiert noch ein Hausbursche. Welch häßliche Kreatur. Er scheint verblödet zu sein, wenn man nach seinem schwachsinnigen Grinsen schließen darf. Das Nachtmahl war überaus exquisit und opulent. Ein schöner Tag. Ich glaube, es war ein ausgezeichneter Gedanke, hierher zu kommen."

Man liest nicht nur gute Sachen, wenn man über sich selbst liest.

"Wie aufregend! Gerade einmal der zweite Tag und ich durfte schon den Magistrat, den Ober--Priester, die Gildenmeister, den Apotheker und was weiß ich noch alles kennenlernen. Wie aufregend! Wieder waren alle ungemein freundlich und zuvorkommend. So viel, so viel. Mir schwirrt noch ganz der Kopf von den vielen Gesprächen. Dazu heute abend das gute Essen und der schwere Wein. Welch eine gute Wahl ich doch mit diesem Dorf getan habe. Welch ein Glück."

"Den Tag über durch das Dorf gewandert. Alle sind so freundlich. Ich hätte von einem Haus ins andere gehen können. Alle haben mich eingeladen. Schön, schön. Das Wetter jedoch ist gräßlich. Riesige schwarze Wolken. In der Nacht wird es wohl ein schweres Gewitter geben. Die Luft ist stickig. Ich trinke in letzter Zeit abends zuviel. Bin das nicht gewohnt."

"Habe mich nach einem kleinen Haus erkundigt. Der Preis dünkt mir angemessen; die Lage ist einfach ideal. Ein paar Tage werde ich noch hier bleiben. Dann nach Hause und alles für den Umzug vorbereiten. Es wird angenehm sein, hier zu wohnen. Das Wetter ist schlimm. Es gab kein Gewitter. Die Luft steht fest und unbeweglich im Raum; legt sich auf die Glieder. Das Atmen fällt schwer. Ich habe mich jedoch erkundigt, auf daß dies nicht etwa der Nachteil dieser wunderbaren Örtlichkeit ist. Denn was findet man schon in dieser Welt, das makellos ist? Man sagte mir, daß solch ein Phänomen nur alle zehn Jahre aufträte. Soll angeblich etwas mit einem Fluch zu tun haben. Naja, die Menschen sind in diesen hinteren Gegenden eben noch etwas abergläubisch. Aber dennoch merkwürdig, wenn sich solch ein Wetter nur alle zehn Jahre wiederholt. Zumindest hätte ich die nächsten zehn Jahre keinerlei Beschwerden. Welch Glück, daß ich gerade jetzt gekommen bin."

"Die Menschen bereiten eine Art Fest vor. Eine große Feier zu Ehren eines Gottes. Ich traf während eines Spazierganges auf den Priester. Er war in großer Hetze, nahm sich jedoch Zeit, mich zu grüßen. Sehr freundlich von ihm. Die Menschen hier sind wirklich überaus freundlich. Vermutlich werde ich doch schon übermorgen gehen. Die Luft ist einfach grausam. Der Wein macht mich müde. Doch ob ich werde schlafen können?"

"Die Nacht nicht geschlafen. Den Tag über wie zerschlagen. Morgen fahre ich. Alle Häuser sind geschmückt. Die Menschen ganz aufgeregt. Alle sehr freundlich zu mir. Schade, daß ich das Fest nicht erleben werde. Aber ich halte das nicht mehr aus."

Er erlebte das Fest wirklich nicht mehr. Das Schlafmittel in seinem Wein ließ ihn tief und fest ruhen. Sie holten ihn und machten seinen Körper für die Feierlichkeiten zurecht. Er erwachte genau zu Beginn des Zeremoniells. Der Priester lächelte ihn an, hob die Axt und tätigte den ersten Schlag. Den ersten von vielen. Mit dem letzten Wimmern fielen die ersten Regentropfen.
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