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Die Erben des Horns Bearbeiten

Proconsul Cassius Livius verfluchte diesen störrischen Ochsen sicherlich schon zum hundersten Mal. Das Tier war unsprünglich als Fleischvorat mit auf die Reise gekommen, doch nun zog es schon seit fast zehn Jahren den Pflug des Proconsuls durch die unwirtliche Erde Silurs. Die Menschen und ihre Pferde hatten es leichter sich dem Leben in der neuen Heimat anzupassen, als die mitgebrachten Viehbestände. Nur wenige Tiere hatten die ersten schlimmen Jahre auf dieser von Chnum verlassenen Insel überlebt und erst in den letzten Jahren hatten sich die Herden wieder vergrößert. Die Menschen hatten überlebt, größtenteils zumindest, doch hatten sie sich auch verändert. Am Anfang, nachdem Protektor Maximus und Konsul Adesus Ducates erstmals seinen Fuß auf diese verfluchte Insel gesetzt hatte, waren alle guter Dinge gewesen.

Im Auftrag des Widdergottes und mit dem Segen der Alten waren sie gekommen, um Silur von der Finsternis zu befreien und niemand zweifelte, die Aufgabe in Kürze erfüllen zu können. Doch nach der Ermordung von Adesus Ducates blieb die Belagerung Ersors erfolglos, offenbar hatten die Dunkelelfen ihre Mittel und Wege den bakanasanischen Truppen zu entgehen. Cassius wischte mit dem Handrücken den Schweiß von seiner Stirn und hinterließ dabei einen schmierigen Streifen. Nochmal schlug er mit der Gerte nach dem Ochsen, den er Gnaeus getauft hatte, und verfluchte ihn so lautstark, dass sich die anderen zu ihm umdrehten. Irgendwann wurde klar, dass es keinen Nachschub aus der Heimat geben würde und sie ihre Vorräte selbst ergänzen mußten, indem sie die kargen Böden der Insel bestellten. Die Moral war noch immer gut, doch dann stellte man fest, dass die Böden Silurs nahezu jede Konsistenz zwischen flüssig und unkaputtbar annahmen, abhängig von Gegend, Höhe und Wetter. Zunächst erhielt man dabei die Belagerung aufrecht, doch im Laufe der Jahre dünnten die Bewacher Ersors mehr und mehr aus, bis nur noch eine symbolische Wache übrig blieb. Cassius, der nach Ducates’ Tod den Befehl übernahm, hatte alle Mühe das Heer zusammenzuhalten und in einer gemeinsamen Kolonie anzusiedeln, die auch die Seeleute umfasste. Er nahm den Titel eines Proconsuls von Silur an, nicht nur um seinen Machtanspruch in diesen Teil der Insel zu unterstreichen, sondern auch, um den Männer ein Stückchen Heimatgefühl zu vermitteln. Aus der Kolonie wurde so eine bakanasanische Provinz.

Nur durch harte Arbeit und zähem Durchhaltewillen überlebte die Kolonie die ersten Winter. Später wurde es ein wenig besser, manch einer heirate und gründete eine Familie, sei es mit einer Silurierin oder einer Frau, die mit dem ersten Hornzug gekommen war. Auch Cassius selbst hatte eine Einheimische zur Frau genommen, sein Sohn Adesus war inzwischen vier Jahre alt lernte gerade reiten.

Der Proconsul schreckte aus seinen Gedanken hoch, als ihn sein Hausdiener rief, ein Mann, der früher sein Stabsdekurio gewesen war. Froh dem verhaßten Pflügen zu entrinnen warf Cassius die Zügel des Ochsen einem der anderen Feldarbeiter zu und lief zu dem ärmlichen Hüttenkomplex, der den Palast des Proconsuls von Silur darstellte. Der Hausdiener brachte Cassius in die Dorfmitte zu dem kleinen Schrein des Gehörnten, unter dem die Gebeine des Konsuls lagen. Um die Hütte hatten sich bereits dutzende von Männern versammelt, die schauten was da vor sich ging. Aus dem Schrein drang durch die Lücken im Flechtwerk der Wände ein grelles, weißes Licht nach draußen, ganz anders als das warme gemütliche Licht eines Feuers. Die Männer bestürmten ihn mit Fragen, auf die er natürlich allesamt keine Antworten hatte, wo er doch selbst gerade erst eingetroffen war. Mit der linken Hand schirmte er seine Augen ab, während er mit der rechten die Tür zum Schrein aufzog. Das Licht verstärkte sich, doch Cassius ging ohne Zögern hinein, hinter ihm klappte die Tür wieder zu. Wenige Augenblicke später kam er wieder hinaus, obwohl er später immer sagte, er sei mindestens eine Stunde in der Hütte gewesen. Die auf ihn hereinstürmenden Fragen ignorierend, ging er wortlos zurück zu seinem Pflug. Mit einem grimmigen Gesichtsausdruck nahm er seinen Dolch heraus und schnitt eine Schare vom Pflug ab. Sorgfältig wischte er mit dem Ärmel die Erde ab, darunter funkelte das Metall wie eh und je. Einst war es rot gewesen vom Blut seiner Feinde. Vorsichtig steckte er das Schwert in seinem Gürtel, dann sah er sich um. Die Hütten, die Felder und die Landschaft um das Dorf herum. Es war eine Art Heimat geworden, doch nun war es an der Zeit zu gehen, endlich konnten sie diese furchtbare Insel verlassen.

Natürlich dauerte es bis die Kolonie aufgelöst worden war. Die Schiffe mußten in Stand gesetzt und zu Wasser gelassen werden, Vorräte mußten gesammelt und konserviert werden und das ganze riesige Reiterheer mußte mit allem drum und dran verladen werden. Als letztes wurden die Gebeine des Protektor Maximus aus seinem Grab geholt und auf das Flaggschiff gebracht. Adesus Ducates sollte seine letzte Ruhestätte in der Heimat finden.



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