FANDOM


Der Zentaur - Eine Geschichte aus dem Silurischen Viertel der Kaiserstadt Chalkis

Der Zentaur blickt Tolga D'Arroc aus dem großen, krumm gewachsenen Wurzelstück einer Linde an.

Tolga D'Arroc schnitzt Galionsfiguren auf dem Werkhof der Schiffsbauer im Silurischen Viertel der Kaiserstadt Chalkis. Gewöhnlich verziert sie, entsprechend dem Wünschen ihrer Kunden und der seemännischen Tradition die Steven der Schiffe mit vollbusigen Nixen.

Doch in diesem unförmigen Holzklotz ist ein Zentaurenhengst und ruft danach, von ihr befreit zu werden.

Sie lädt den Stumpf mit dem Kran des Holzplatzes auf ihren Karren und zieht ihn zur Fassaja. Wie auf allen Werkhöfen Silurs gab es in der Mitte des Hofes einen Pavillon mit einer Erdgrube, welche Handwerkern, die der Volksmagie mächtig sind den Zugang zu den Adern Denas gewährte, Strömen magischer Energie, welche ihre Heimatinsel mächtig durchziehen. Doch kaum ein Silurer glaubt sie auch hier in Chalkis zu spüren, fern der Heimat. Sie selber hält die Fassaja des Werkhofes eher für eine Tradition und sich selber nicht für einen Volksmagier. Aber sie arbeitet gerne an der Fassaja, weil die mitten auf dem Werkhof liegt, so dass sie bei der Arbeit umgeben von Leuten ist, von Meistern und Gesellen, die alle Weile für einen Gruß oder einen Schwatz verweilen.

Während sie den Klotz mit Säge und Axt zurichtet wird ihr wieder bewusst, dass sie zwei Methoden der Bildhauerei kennt, die harte Arbeit, mit der sie eine weitere Nixe für einen weiteren Kunden aus dem Stamm stemmt und das Schaffen, wenn eine Gestalt schon im Holze vorhanden ist und es nur ihren Blick braucht sie zu entdecken und wenig Mühe ihrer Hände, sie zu befreien.

Während sie mit Klöpfel und Beiteln die hölzernen Banden rings um den Zentauren wegschlägt grübelt sie ein weiteres mal darüber nach, wie es sein kann, dass in manchem Holze ein Wesen steckt, das darauf wartet von ihr erweckt zu werden und in anderem Holze nicht, und wie dieses Wesen wohl ins Holz gebannt wurde.

Während sie Holz raspelt und schmirgelt um die Konturen zu glätten denkt sie über Zentauren nach. Sie kennt sie aus Musterbüchern, wo sie neben dutzenden von Nixen und vielen anderen Wesen abgebildet sind, damit Schnitzer eine Vorlage haben. Selber ist sie keinem begegnet und sie ist nicht sicher, ob diese Wesen Fantasie sind oder wirklich irgendwo auf Myra leben. Dieser Galionszentaur formt sich unter ihren Fingern fast von selber, ohne dass sie ins Musterbuch gucken muss. Sie kann seine Muskeln spüren.

Während sie den Pferderumpf mit weißer Farbe streicht und den Mannesoberkörper fleischfarben erinnert sie sich an die Mythorgeschichten, wie sie die wandernden Erzähler in Silur berichten und an das Flugschiff Luscuma mit ihrer Besatzung aus Hexen und Amazonen auf dem der Held in die Schattenzone entführt wurde. Irgendwie hatte dieses Schiff Geist und Seele besessen und eine Persönlichkeit, die aus seiner Galionsfigur sprach.

Die Augen sind entscheidend. Während andere Meister ihre Werkstätten schließen und sich Gesellen am Brunnen waschen malt Tolga Augen, braune Augen, die im Licht der Abendsonne warm und vertrauenswürdig glänzen. „Du wirst dein Schiff gut und sicher führen“, flüsterte sie, während sie den Zentauren umarmt.