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Der Mann, der ihr Pferd verlor. Bearbeiten

Nur eine Seite der Chronik der Welt Bearbeiten

Horse-Rider

Der Mann, der ihr Pferd verlor.

Als Weltchronist sieht man vieles – Heere und Schlachten, Magier und Priester, weltbewegende Ereignisse und gigantische Bedrohungen, Dinge im Gestern und solche im Heute. Manches scheint kaum Wert, aufgeschrieben zu werden bis man näher anschaut – und es scheint wichtig – und ist am Ende doch nur eine Seite in der Chronik der Welt.

Da war dieser Junge, dieser junge Mann, vielleicht siebzehn Sommer alt, auch wenn er im Herbst lebte. Ein Junge, der Stunden lang am Fenster oder am Bach sitzen und träumen konnte. Mit Fug und Recht kann man ihn einen Träumer nennen, denn ausser Träumen und dem Geld seines Grossvaters hatte er nicht viel, nicht einmal den Namen seines Vaters, und das machte er durch Träumen wett.

Als das Geld seines Grossvaters ihm einen Platz an einer kleinen Magierschule verschaffte, zum Beispiel auf Karcanon, hatte er Schwierigkeiten, sich dort einzufügen. Er passte wohl hinein, in die Flure, die Kammern und die Vortragsräume... aber für seine Träume waren sie zu eng. Gleich nachdem er die Runenkunde gemeistert hatte, vermochte er die Runen zu lesen, die von Anfang an in seinen Tisch eingeritzt gewesen waren: "Verschwinde hier, Kleiner!" So nahm er nach einer Weile seinen Schrankkoffer, eine Truhe, die ihn stets begleitete ohne ihm nachzulaufen, eine Kiste voller Hoffnungen, und verliess die Magierschule wieder, um ein Barde zu werden vielleicht.

Mit der Hoffnung im Gepäck nahm er sich ein kleines Zimmer in einem kleinen Haus in einem kleinen Sumpf für kleines Geld. Zweierlei gab es in diesem Haus für ihn, dass es in seinem Leben noch nicht gegeben hatte: Eine dunkelrothaarige junge Frau - und eine blonde junge Frau, die mal helle, mal dunkle mal grüne, mal blaue Haare hatte, je nachdem wie ihre Stimmung war. Zunächst waren es nur seine Träume, in denen sich beide für ihn interessierten, doch bald schon fiel beiden auf, dass er nicht nur seltsam sondern ungewöhnlich und damit auch interessant war. Die eine lächelte nie wenn er da war, jedoch wenn sie ihn seiner Abwesenheit an ihn dachte. Die andere stets wenn sie ihn ansah, doch nie wenn er nicht da war und sein Name ihr einfiel.

Er hatte nichts, was zunächst für ihn sprach - von der einen Schriftrolle abgesehen, die im Licht der Sterne, wenn keiner der beiden Monde am Himmel war, den Sternenschein wiedergab, der in dieser Schrift gebunden war, der Segen der Sternenfau. Betrachtete man diese Schrift aber im Schein der Lichtsonne, so zeigte sie das was ihrem Träger in diesem Moment günstig war, bisweilen das was der Leser fürchtete oder die Leserin hoffte, meist aber die Wahrheit, die ohnehin niemand geglaubt hätte, hätte er sie auszusprechen versucht. Diese Erfahrung hatte er gemacht: Die Wahrheit wollte keiner hören, zumal nicht wenn sie nur ihn selbst betraf.

Auf dem Weg in den Sumpf war er an einem kleinen Tempel vorbeigekommen, wenig mehr als ein Schrein mit einem Dach auf den ersten Blick, wenn man die Keller nicht mitrechnete, die keiner je zu sehen bekam, der nicht dort hinein gehörte oder sie nie wieder verliess. Er hatte den Tempel als das erkannt was er war. Der Tempel des verhüllten Schweigens. Er aber wusste, schlauer Fuchs der er war, wer die Schweigerin war, die sich da verhüllte. Wusste, dass die ihren bereit waren, das ihre zu tun, um ihr Schweigen über jene zu legen, die Misstöne in die Musik der Welt gebracht hatten. Da kümmerte es ihn nicht, dass Legender der Elfen sagten, wie ein Barde einst verkündet hatte, es sei unter jedem der Tempel hinter einem der Keller eine Schatzhöhle, die man nur finden müsse. Dies würde nicht sein Schatz sein. Er zog die Kapuze, die er nicht hatte, tiefer in sein Gesicht, als Gruss, und ritt an diesem Tempel vorbei. Weiter in den Sumpf... in das erwähnte Haus, in die erwähnte Gesellschaft. Es gab Tage, an denen er an die beiden dachte, beide aber fern von ihm schienen. Dann wandte er sich seiner Kiste zu und spielte ganz in Gedanken mit dem Runenstein daraus, der an einer Schnur hing, um ihn um den Hals zu tragen...

Eines Morgens erwachte er schweissgebadet vom Traum der Nacht. Es waren die Traumtage - Träume an sich, die in das wache Bewusstsein hineinragen, sollten ihn nicht überraschen. Viele, die für das Übernatürliche empfänglich oder mit ihm verbunden sind, haben in den Traumtagen besondere Träume und erinnern sich tags daran. Dieser aber beschäftigte ihn dan ganzen Tag. Er hatte seit Jahren nicht von seinem Vater geträumt. In diesem Traum aber hatte sein Vater, der Eiserne, gestanden, seinen Sohn, als dieser noch ein Kleinkind war, in eine Kammer gesperrt zu haben um ungestört seiner Leidenschaft nachzugehen, so dass auch er ausser der Hörweite des Kindes war, für das er hätte sorgen sollen. Für dieses Geständnis aber war er, was in Wirklichkeit nie geschehen war, verspottet und als Schurke beschimpft worden. Was für ein seltsamer Traum - sein Vater war bestimmt kein Schurke gewesen, sondern nur eisern darin die Leidenschaft zu erstreben, die ihn antrieb. Von ihm, so hoffte er zumindest, stammte auch der Runenstein...

Aber hier soll nicht vorgegriffen werden. Zunächst sei erzählt, wie er seine Mitbewohnerin und ihr Pferd, und die Stiefel seines Nachbarn, das erste Mal kennenlernte, in jenen ersten Tagen in dem Haus im Sumpf, als er noch niemand kannte und niemand ihn.

Er war in der nahegelegenen Siedlung, wo viele der Akademie auch ihre Einkäufe erledigten, von einer Händlerin zur nächsten gezogen, einer Korbmacherin etwa, wegen günstiger Stühle für sein noch leeres Zimmer, oder einer Kerzenmacherin für Licht. Auch wenn er ahnte dass diese, wie manche ihrer Zunft, auf diesen Mond anders reagierte als auf jenen, kaufte er dennoch bei ihr ein und ging zuletzt zum Kräuterhändler. Dort hatte er gerade die einen wohlriechenden Kräuter für sein Kopfkissen und andere wohlriechende Kräuter für sein Essen bestellt, als eine hochewachsene Frau in einer roten Robe hereinkam, die schwarzroten Haare unordentlich als hätte sie keine Zeit für die Bürste gehabt, die Lippen schmal "Mein Rauchkraut. Das übliche" bestellend, als hätte sie keine Zeit, zu warten bis andere fertig wären. "Rauchkraut, das selbe", sagte er, zu der Frau lächelnd, um seine Bestellung damit abzuschliessen. Kurz nur der prüfende Blick des Händlers, bevor er ihm das verlangte gab. Kurz nur nachdem der junge Mann den Laden verlassen hatte um zu seinem neuen Heim zu gehen, verliess auch die junge Frau den Laden, ihr Bündel in der einen Hand, mit der anderen band sie ihr Pferd los und ritt davon.

Umso grösser war seine Überraschung als er sie etwas später vor dem Haus stehen sah, das er ansteuerte, ihr Pferd anbindend und es einen lahmen Gaul schimpfend. Ihr Blick zu ihm war weniger überrascht als irritiert, als sie ins Haus verschwand und er Anstalten machte, ihr zu folgen. Als er das Haus öffnete und hineintrat stand sie gerade vor einer eine Tür zu einem Raum, der einige Treppenstufen höher gelegen war. Eine Hand in der Tasche, als suche sie nach einem Schlüssel, mit der anderen klopfte sie in rascher Folge an die geschlossene Tür. Er begann die Treppe hinter ihr heraufzusteigen und sagte freundlich "Hallo" - als sie sich plötzlich umwandte, aus der Tasche ein rotweisses Pulver herausholte und ihm ins Gesicht schleuderte. Er war wie benebelt - dann wusste er nichts mehr. Das nächste was er sah, war ein Paar ellenlange Stiefel neben ihren Beinen. "Was hast du ihm verpasst?", erklang es dunkel von den Stiefeln, von denen einer ihm probeweise in die Seite trat. "Eine Essenz eines Nachtschattengewächses. Er wird es überleben, denke ich", antwortete die höhere Stimme von den weniger hohen Schuhen aus.

Als er stöhnte, trat ihn ein weiterer, weniger sanfter Tritt. "Was willst du hier? Warum bist du ihr nachgelaufen?" - "Seid ihr von Pottundy geküsst? Ich wohne hier!" "Wirklich?", fragten die Stiefel interessiert, denn noch lag er am Boden und konnte mit brennenden Augen kaum etwas sehen. "Ja wirklich, ich bin der neue Mieter des hinteren Zimmers im Obergesosss!" - "Na dann", sagten die Stiefel und ihr Träger wandte sich ab, "willkommen zurück in der Wirklichkeit". Die Frau der er nicht wiklich gefolgt war aber wandte sich ab und verschwand die Treppe hoch und in ihrem Zimmer...

In diesem Moment öffnete sich die Eingangstür und eine blonde, junge Frau trat hinein, die erst lächelte, dann den Kopf schief legte, um ihn skeptisch zu betrachten. "Was ist passiert?" fragte sie. "Ein Missverständnis mit einer schwarzrothaarigen Frau, die dachte ich laufe ihr nach. Und mit einem Kerl mit langen Stiefeln, der nicht glauben wollte dass ich jetzt hier wohne", antwortete er. "Oh", lächelte sie wieder. "Missverständnisse. Mit Frantya kann das vorkommen." Nach einer kurzen Pause setzte sie hinzu: "Sicher war sie enttäuscht, als sich herausstellte, dass du ihr gar nicht nachlaufen wolltest. Aber möchtest du nicht wieder aufstehen?" Mühsam stand er auf. Dann fragte er: "Und die Stiefel? Wer ist..."

"Pelivan", antwortete sie ihm rasch. "Ein Künstler, aber... Er ist nicht mehr der Gleiche seit er sein Lukeel verloren hat." - "Sein was?" - "Seine ...Seele sozusagen. Sie heisst Lukeel, sagt er, und seither sucht er sie. Wenn du mal irgendwo ein saphirblau schimmerndes Ei finden solltest, etwas kleiner als eine Faust, bring es ihm einfach. Denn so, behauptet er, müsse das aussehen."

Er war sich nicht sicher ob sie ihn aufzog, oder ob sie sich hatte aufziehen lassen. Er würde aber, dachte er, wohl mit diesem Zweifel leben müssen, denn als er aufgestanden und von ihr gefolgt zu seinem Zimmer hinaufgestiegen war, war sie im letzten Moment in einer Tür neben der seinen verschwunden. Vielleicht suchte sie ja dort Pelivans Lukeel...

Was suchte er selbst unterdessen? Was suchte er in der geheimnisvollen Truhe, die er scheibar stets mit sich führte? Er blickte aus dem Fenster und sah den Wolken nach, bis sie für ihn Gestalt annahmen. Eine Wolke - mit einem Ziegenbart? War er der Ritter mit dem Ziegenbart, der Wolken folgend auf seine Questen ritt? Enthielt seine Truhe vieleicht nur Wolken, die sich in feuchten Nebel auflösen würden, wenn er die Truhe andgültig leerte? Was er von diesen Fragen sich selbst beantworten konnte, wollte er jedenfalls nicht beantworten.

Waren es die Kräuter gewesen, in dieser Nykerischen Kerze, welche die Kerzenmacherin ihm so angepriesen hatte? Während er sich noch darüber Gedanken machte, dass ausser seinem Bett keine Möbel in seiner Kammer waren, weshalb jede Einladung an eine der jungen Frauen diese auf falsche oder richtige Gedanken bringen musste, klopfte es an seine Tür und diese öffnete sich wie von Zauberhand. In der Tür stand die Korbmacherin, doch nun erkannte er sie als das was sie war: Eine Blaue Fee, eine derjenigen Feen, die sich unter die Sterblichen -und mit diesen ver-mischen. Diese Absicht wurde offensichtlich und für alle im Hause laut hörbar unter Stöhnen und Ächzen verfolgt... bis er alleine auf dem Boden seiner Kammer aufwachte, zwischen seiner Truhe und der schon halb abgebrannten Kerze liegend.

Und dafür hatte er ein Jahr seines Lebens geben sollen, hätte es wohlmöglich in diesen Momenten verloren, wenn er zugestimmt und die Kerze nicht in einem unbeobachteten Moment eingesteckt hätte? Eine Vision von hohem Wert war dies nicht gewesen, dachte er, fürchtete aber dass er kaum zur Kerzenmacherin gehen und sie dafür zur Rede stellen konnte. Das wäre dann doch, wie dieses Aufwachen auf dem Boden in der Angst dass man ihn im ganzen Haus gehört haben könnte bereits, zu peinlich.

Eine neue Vision überfiel ihn einen Moment später:

Ein Schiff im weiten Meer, acht kleinere Schiffe nähern sich, doch die Begleitflotte des grossen Seglers fehlt und ist nirgendwo in Sicht. Irgendwo an Bord eine Frau, umgeben von anderen, die ihr gut zureden. „Kandy ist bei dir. Deine Dena wird gesund und sicher zur Welt kommen.“ die eine. - „Ist es nicht eher Pura, die eine sanfte und sichere Geburt verspricht und ermöglicht?“ eine andere. Leise antwortet die erste, zur zweiten flüsternd, laut genug dass die liegende Frau es vielleicht verstehen würde, wäre sie nicht gerade ganz auf den Schmerz konzentriert: „Mag wohl sein. Aber hier ist es ein Segen, dass dieses Leben unter dem Segen Kandys steht. Die Falkengöttin ist es, die den Amazonen Ausdauer und Leidensfähigkeit verleiht. Und das ist das was hier gebraucht wird. Sie wird Leiden ertragen müssen, über eine lange Zeit. Kandys Segen wird ihr die Ausdauer geben, das durchzustehen.“

Eine andere Szene: Ein Paar erwacht nach einer wilden Nacht im selben Bett. Wundert sich jedoch, dass sie dort beide sind., In den Träumen dieser Nacht hatten sie nicht sich gegenseitig herbeigeträumt, sondern in ihren Träumen waren sie ganz woanders. Ohne einander.

Fortsetzung folgt...?)