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Abernalon-op-Aberlon ist der offizielle Außenhafen des Inselkreises von Danamére. Dies bedeutet, fremdländische Händler sind im Allgemeinen gehalten, ausschließlich diesen Hafen anzulaufen.

Die Häfen auf Groß-Danamére, Darascon und Sitayana, sind für nicht-danamerische Schiffe gesperrt (und ohne danamerische Lotsen ohnehin nicht erreichbar). Der Hafen von Raganadon-op-Ragon ist reserviert für den Handel mit ragonesischem Marmor und Rotstein.

Abernalon-o-aberlon
Hafen und Stadt von Abernalon-op-Aberlon im Jahre 435 n.P.


Auf der Walz Bearbeiten

Erfahrungen eines Schiffsbauergesellen an fernen Küsten

Aufgeschrieben von Comersicapitano Kol Fer Barin-Sang


Kapitel 3: Ankunft in Abernalon zu Aberlon Bearbeiten

Abernalon gilt gemeinhin als größte der danamerischen Städte nach der Hauptstadt selbst. Für mich war es zunächst auch die einzige Stadt dieses sich in Geheimnisse hüllenden Reiches, die zu betreten mir erlaubt wurde. Die Reise nach Groß-Danamere wurde mir unter anderem mit der Begründung verwehrt, dazu müsse ich erst eine Bescheinigung des Instituts von Abernalon beibringen, völlig frei von jeglichem magischen Talent zu sein. Ich erkundigte mich danach: Die Prüfungsgebühr beträgt umgerechnet zwei Goldstücke oder – so man dies nicht zu zahlen in der Lage war – einen unmittelbar nach der Prüfung abzuleistenden Jahresdienst. Das aber war mir dieser Ausflug dann zunächst einmal doch nicht wert, zumal Abernalon allein schon genügend Interessantes bot, das sich zu erforschen lohnt. Ich will später aber berichten, wie es mir doch noch gelang, auch die Wunder jener Insel zu erblicken.

Auf einem Schiff der Esima erblickte ich die Küste Aberlons erstmals, an einem herrlichen Morgen im Frühsommer; viele Wochen waren wir unterwegs gewesen, ohne auch nur einmal Land zu erblicken. Und auch nun, da wir die Küste verlockend vor uns sahen, war uns verwehrt, sie direkt anzulaufen. Denn so warnte unser Navigator, der die Reise nicht zum ersten Male machte: »Die Danameris haben jedem Schiff die Versenkung angedroht, das es wagt, anderswo als an den dafür zugelassenen Plätzen anzulanden. Und seit dem Fall Ragons setzen sie diese Vorschrift mit verstärkter Kraft durch« – dabei wies er auf die erste Patrouille schwerbewaffneter Kriegsschiffe, die uns an diesem Tage begegnete – und es sollte nicht die letzte bleiben, bis wir endlich den Hafen von Abernalon erreichten, der sich auf der anderen Seite der Insel befand.

Auf dem Weg dorthin kamen wir zunächst an einem kleinen, aber gut bewehrten Küstenstädtchen vorbei, Klein-Abernalon, wie mir bedeutet wurde. Die alten, an vielen Stellen bröckelnden Mauern beindruckten mich allerdings nur wenig.

Danach entfernte sich unser Kurs, bedingt durch die Strömung hier in Küstennähe, wieder etwas vom steinigen Strand Aberlons. Von einer Position etwa eine Meile vor der Küste erblickte ich dann zum ersten Mal die Mauern Aberlons. Außer diesen Mauern allerdings, die sich direkt aus dem Meer zu erheben schienen, konnte ich zunächst nicht viel erkennen. Als wir näher kamen, bemerkte ich dahinter dann doch ein unregelmäßiges Gewähr von Dächern, das sich weit hinter den Mauern im Dunst verlor, im Vordergrund aber große Lücken aufwies. Dann erst fielen mir die ersten Lücken in der Mauer auf, an deren Fuß die Meereswogen brandeten und die die Masten der meisten Schiffe überragte, die ich nun vor ihr kreuzen sah.

Und nun begriff ich auch, wo ich den Hafen zu suchen hatte, den ich bisher nicht hatte entdecken können: Hinter der mehrfach durchbrochenen Mauer nämlich. Insgesamt zählte ich drei Einfahrten, die beiden breiteren zusätzlich durch Wachtürme geteilt. Wir steuerten aber auf die am weitesten im Machairas gelegene, ungeteilte zu, die zum Tiefhafen führte, wie mir der Navigator erklärte. Bevor wir diese jedoch erreichten, wurden wir von einem Wachboot zum Beidrehen aufgefordert. Hafeninspektoren in dunkelblauen und purpurvioletten Umhängen kamen an Bord. Während einige uns befragten, ob wir irgendwelche magischen Gegenstände mit uns führten, holten andere seltsame Instrumente aus ledernen Hüllen – einfache und geteilte hölzerne Stäbe mit silbernen Spitzen, eine Art Pendel und anderes mehr – und ließen sich von den Schiffsoffizieren Kajüten und Lagerräume zeigen, wobei sie mit ihren Stäben in den Winkeln herumstocherten.

Mein eigenes Verhör war bald beendet, und so hatte ich Zeit, an der Reling zu stehen und mir die Bucht einzuprägen. Die Bucht von Abernalon hat bei weitem nicht das Ausmaß der von Qassim oder auch anderer, die ich auf meinen Reisen bereits gesehen hatte; doch wird sie nicht nur zur Gänze durch die Mauern der Stadt eingefaßt, sondern auch durch die seeseitigen Mauern von der offenen See getrennt. Diese erregten meine Bewunderung nicht nur durch ihre Höhe, sondern auch dadurch, dass sich ihr Fundament fast überall weit unter der Meeresoberfläche zu befinden schien. Ich erkannte nun aber auch, dass sie der Bucht vorgelagerte Inseln miteinander verbanden und von ihnen ausgehend weit in die trennenden Wasserstraßen hineinragten; dort, wo diese Wasserstraßen zu breit oder zu tief waren, um sie durch Mauern schließen zu können, befanden sich die Hafeneinfahrten. Die größeren Inseln waren hinter der Mauer sämtlich mit hohen Gebäuden bebaut, deren Dächer teils über die Mauer ragten; zwischen ihnen aber befanden sich weite Wasserflächen, durch die unzählige Schiffe von und zu ihren Liegeplätzen unterwegs waren. Wir lagen nun so, dass ich zugleich in die mittlere als auch in die Einfahrt des Tiefhafens blicken konnte. Die mittlere Einfahrt schien mir die breiteste zu sein; in ihrer Mitte befand sich etwas nach hinten versetzt ein Turmgebäude, dessen unterer Teil aus meinem Blickwinkel einen grob sternförmigen Grundriß aus in alle Richtungen hervorragenden, zwei Stockwerke hohen Wellenbrechern zu haben schien, über dem sich ein schlanker, runder, leuchtend rot verputzter Turm wohl vier oder fünf weitere Stockwerke in die Höhe erhob, gekrönt durch ein kegelförmiges, in der Sonne grün leuchtendes Dach. Die Bucht schien an dieser Stelle nicht allzu tief zu sein; direkt hinter dem Turm konnte ich eine zweite Wehrmauer sehen, nicht ganz so hoch wie die äußere Hafenmauer, und dahinter hohe Gebäude. Doch während ich noch in diese Richtung blickte, erblickte ich ein Schiff, das sich mit geblähten Segeln dieser zweiten Mauer näherte, dann kurz nach Steuerbord schwenkte und zwischen den Gebäuden verschwand. Nun erst gewahrte ich die von meinem Standort aus teilweise durch den davor stehenden Turm verdeckte Lücke in der Mauer, durch die zur linken Hand eine weitere Wasserstraße hindurchführte, breit genug für drei große Schiffe nebeneinander, zu deren rechter Hand aber ein wohl geplasterter Platz vor einer prunkvollen Fassade in Fortsetzung der Wehrmauer lag.

Nun wandte sich mein Blick nach Machairas, entlang einer mehrfach geschwungenen Mauer, in der Mitte durch zwei Türme geschmückt, die wiederum in den unteren Geschossen die sternförmig nach vorne springenden Wellenbrecher aufwiesen und darüber eine kreisförmig gebaute, mehrstöckige Turmstube. Am Ende dieser Mauer blickte ich durch eine breite Einfahrt auf einen belebten Hafen, unterteilt durch fünf steinerne Molen, deren weiteste im Machairas gelegene direkt auf unser Schiff wies, während die anderen dem Küstenverlauf folgend immer weiter gen Lychnos zurückwichen und sich immer stärker nach Ophis hin ausrichteten. Hinter dieser Hafenanlage aber erstreckte sich ein Häusermeer, dessen Ende ich nicht absehen konnte.

Endlich war die Inspektion durchgeführt und die Inspektoren verließen befriedigt das Schiff; lediglich ein paar Amulette hatten sie notiert und deren Besitzern temporäre Lizenzbriefe für deren Mitführung im Gebiet Aberlons ausgestellt. Nur der Hafenlotse blieb an Bord, um uns zu unserem Liegeplatz im Tiefhafen zu geleiten. Bei der Durchfahrt durch die vom Wasser umspülten Mauern konnte ich beidseits der Einfahrt mehrere dicke Ketten von den Mauern ins Meer herabhängen sehen, offensichtlich die Art von Sperreinrichtung, die ich auch schon in anderen Häfen hatte beobachten können. Nun hatte ich auch zum ersten Mal einen Blick auf die ganze Stadt, jedoch auch hier nicht völlig unverdeckt, denn auch im Ophis des Tiefhafens schützten hohe Mauern die dahinter stehenden Gebäude. Zwei Durchfahrten trennten eine äußere, kleinere Insel von einer größeren Insel und diese wiederum vom eigentlichen Festland; am Ende dieser zweiten Durchfahrt aber schien sich mir diese wiederum in mehrere durch Inseln geteilte Wasserstraßen aufzuteilen, und dort konnte ich auch einige weitläufige und hohe Gebäude erkennen, deren jedes einen oder zwei mächtige Türme trug.

Nach der langen Zeit auf See, einzig in Gesellschaft der Esima-Mannschaft unseres Seglers, erfreute und erschreckte mich die Aussicht auf eine derartig große und belebte Stadt gleichermaßen, und der von den Menschenmassen ausgehende Lärm schien mir anfangs sehr gewöhnungsbedürftig. So nahm ich gerne das Angebot unseres Navigators an, ihn an meinem ersten Tag in Abernalon zu einigen seiner Bekannten und Geschäftspartner seiner vorangegangenen Reisen zu begleiten. Zu diesen gehörte auch ein Schiffsausstatter namens Kar Benolanol, der sich bei den Esima einen guten und ehrlichen Ruf erworben hatte. Mit ihm kam ich schnell ins Fachsimpeln, und wir waren uns wohl beide auf den ersten Blick sympathisch, so dass ich ihn heute mit Stolz meinen ersten und besten Freund in Abernalon und ganz Danamere nennen kann.

Mit seiner Hilfe – und der einer einfachen Karte, die er mir gegen geringes Entgelt zur Verfügung stellte – lernte ich in den nächsten Tagen nicht nur die Stadt kennen, die nun für wenigstens einige Monate meine neue Heimat sein sollte, er verhalf mir auch zu Kontakten zur hiesigen Schiffbauergilde. Dennoch sollte es gut zehn Tage dauern, bis ich einen Meister fand, der bereit war, mich als Gesellen in seine Werkstatt aufzunehmen.

Glücklicherweise wurde mein Silber hier gerne genommen, und ich fand – mit Ausnahme des Weins und einiger anderer Importwaren – die Preise hier häufig niedriger als sie mir im Ophis begegnet waren. Unterkunft fand ich zu einem günstigen Preis bei einer freundlichen Pensionswirtin am Rande der Stubenstadt, die Kar mir empfohlen hatte.

Die Stubenstadt liegt recht zentral im landseitigen Teil der Stadt, durchflossen und umrahmt von den beiden Hauptzweigen des Hinteren Kanals, der wiederum von den Wassern der Hinteretsch gespeist wird. Im Ophis des Kanals und der Stubenstadt liegt die Hinterstadt zwischen Werften und Fischerviertel auf der einen und den Stadtgütlern auf der anderen Seite; sie beherbergt mehrere große Handwerkerhöfe und Manufakturen. Das Gebiet unterhalb der Stubenstadt entlang des wieder vereinten Kanals wird Pfannenstiel genannt; woher dieser Name kommt, konnte mir keiner wirklich sagen, obwohl es viele versuchten. Dort jedenfalls haben die Färber und Gerber ihre Werkstätten, so dass jeder dieses Gebiet so schnell als möglich durchquert, um den mit diesen Gewerben verbundenen unangenehmen Gerüchen zu entgehen. Im Klados der Stubenstadt dagegen liegt die Oberstadt, der höchstgelegene Stadtteil – wobei sich jedoch (anders als etwa zu Qassim) auch der höchste Punkt des von Mauern umschlossenen Gebiets nach meiner Schätzung nur wenige Dutzend Mannslängen oberhalb des Ufers der Bucht befindet. Die Oberstadt beherbergt jedoch ungewöhnlich große Anwesen, ja sogar Gutshöfe, die ihre Felder sowohl innerhalb als auch außerhalb der Stadtmauern haben. Dieser Stadtteil zeigt mehr als jeder andere, wie großzügig die Stadtmauern einst gezogen worden sind. Wie mir Kar bei einem guten Bier in einer beliebten Wirtsstube, dem Drei-Ecken-Haus in der Stubenstadt, eines Abends erzählte, war Danamere vor etwa einer Generation die reichste und mächtigste Handelsnation im ganzen Archipel, und zu jener Zeit seien auch die Mauern Abernalons niedergerissen und neu errichtet worden. Der beauftragte Baumeister, ein gewisser Kasimon, habe Mauern geplant, die die ganze Bucht umspannten und zu Lande in einem weiten Halbkreis die beiden Endpunkte an der Küste miteinander verbanden, und er habe dafür vom damaligen Hohen Tayong – so etwas wie der König Danamères – ein überaus reiches Budget zur Verfügung gestellt bekommen, so dass er nirgends sparen mußte und seine Idealvorstellungen ohne Abstrich verwirklichen konnte. So habe er zur Wasserversorgung die beiden hier mündenden schmalen, aber wasserreichen Flüße in ein weitgefaßtes Kanalsystem geleitet und die Landschaft neu gestaltet; den Aushub aber habe er verwendet, um Dämme in die Bucht hinauszuschieben und mit deren Hilfe das Fundament der Seemauern zu legen. Die Mauer selbst mag zwar aus festungsbaulicher Sicht nicht mit denen Qassims oder Unkus mithalten können, dennoch beeindruckt sie durch ihre Höhe und die makellose Glätte ihrer in roten und grünen Mustern bemalten Außenseite.

Vor allem aber umschließt sie nun eine gewaltige Fläche, die trotz der in den letzten Jahren rasant gewachsenen Bevölkerungszahl in ihren Mauern nicht nur reichlich Raum für Wohnungen und Werkstätten, sondern auch für ausgedehnte Parks, ja sogar Felder und Obstgärten bietet. Die Stubenstadt heißt im Übrigen nicht aufgrund der Vielzahl der tatsächlich dort zu findenden warmen Gaststuben so, sondern da sich hier in den oberen Geschossen fast jeden Hauses eine Pension oder Mietstube für die Bediensteten der wohlhabenden Herrschaften der Ober- und Mittelstadt und für die Arbeiter und Handwerker der Manufakturen der Hinterstadt findet; zu ebener Erde dagegen haben Schuster, Schneider, Schreiner und andere Handwerker ihre kleinen Werkstätten zwischen den unzähligen Warmküchen, Trinkstuben und Gaststuben, die einfache, aber herzhafte Kost anbieten.

Unterhalb der Oberstadt liegt zwischen Hinterkanal und der Mündung der Hinteretsch die Mittelstadt, deren hervorragendstes Bauwerk wohl das Hippodrom ist, ein 300 Schritte langes und 180 Schritte breites Oval, an der Außenseite 18 Schritte hoch, in dessen Mitte unter freiem Himmel die Rennbahn liegt. Die unter dem Dach des Hippodroms treppenförmig übereinander angeordneten Zuschauertribünen bieten Sitzplätze für fast 10.000 Bürger; Kar konnte sich an keine Gelegenheit erinnern, bei der das Stadion so gefüllt gewesen wäre, dass auch die Stehplätze besetzt gewesen wären. Anbauten an allen vier Ecken des Hippodroms mindern die architektonische Wirkung des weiß gekalkten Ovals leider ein wenig; sie beherbergen nicht nur Wettbüros, sondern auch Trinkstuben, Speiselokale und unzählige kleine Ladengeschäfte, die allerlei Leckereien, Getränke und Andenken anbieten.

Rings um das Hippodrom haben sich Theater, Tanzlokale und andere Amüsements für die Oberen Zehntausend der Stadt angesiedelt. Im Gegensatz dazu, was ich mancherorts in wärmeren Gefilden gesehen habe, sind die Theater Abernalons sämtlich in festen Gebäuden mit vollständig überdachten und beheizten Zuschauerräumen untergebracht, manchmal gar mehrere in einem der riesigen Gebäudekomplexe, die das Hippodrom umgeben. Entlang des Ufers der Hinteretsch und noch ein Stück die Küste hinauf stehen am Rand der Mittelstadt die gewaltigen Neuen Paläste der Handelsmeister und Gildenherren, ihnen gegenüber in der Vorderstadt am machairischen Ufer der Hinteretsch die deutlich kleineren Alten Paläste. Die Vorderstadt ist der älteste Teil der landseitigen Stadt, der schon vor dem Bau der Großen Mauer bewehrt war; die Grundstücke sind hier kleiner als anderswo in der Stadt und die Häuser einige Stockwerk höher. Während in der Stubenstadt kein Haus mehr als vier Geschosse einschließlich des Dachgeschosses hat, hat hier keines weniger als fünf. Viele der Patrizier sind nach dem Bau der Mauer auf die andere Seite der Hinteretsch gezogen und haben dort neue Prunkvillen und Anwesen errichtet, nicht mehr ganz so hoch, dafür aber ausgedehnter, doch jede mit wenigstens einem Turm. Kar erzählte mir dazu, er habe gehört, dass die Türme der Paläste der Vorderstadt zu früheren, unsicheren Zeiten vor allem als Verteidigungsanlagen entstanden seien; zum einen habe man damals Überfälle der malkuthischen Piraten gefürchtet, zum anderen seien aber auch Fehden zwischen den Patriziergeschlechtern und Adelsfamilien gelegentlich durchaus mit Waffengewalt ausgetragen worden. So gibt es etwa eine Straßenkreuzung in der Vorderstadt, an der sich von allen vier Ecken wuchtige runde Wehrtürme entgegen drohen. Später aber seien die Türme zu einem Statussymbol geworden, und mittlerweile habe der Magistrat eine Verordnung erlassen, nach der solche Türme nur noch mit Genehmigung des Magistrats und nur durch Inhaber eines Sitzes im Magistrat oder aber Angehörige alteingesessener Familien errichtet werden dürften, die zuvor mehr als zehn Jahre lang jährlich mehr als 30 Goldstücke Steuern entrichtet hätten. Vor allem an den Türmen der neuen Paläste kann man auch die verschiedenen Moden der letzten zwanzig Jahre ablesen; die sternförmigen Grundrisse und üppigen Fassadenverzierungen der ersten Zeit wurden mittlerweile duch schlichtere, meist runde Bauformen und glatt geflieste, mit einfachen Ornamenten in kräftigen Farben gezierte Fassaden abgelöst.

Aber auch auf der anderen Seite, in der Vorderstadt, wurden manchen alten Türmen neue Fassaden vorgesetzt. Hinter vorgehaltener Hand gab mir Kar allerdings zu verstehen, dass trotz aller Pracht die Türme immer noch gewisse Funktionen erfüllen; viele Mauern sind immer noch dick genug, um einige Treffer aus einer Schleudermaschine zu überstehen, die im Innern angebrachten Wehreinrichtungen orientieren sich allerdings nicht mehr an der Gefahr bewaffneter Überfälle, sondern sind eher darauf ausgerichtet, Diebe zu entmutigen oder auch in die Falle zu locken. Die Vorderstadt umfasst aber nicht nur die alten Paläste, sondern auch den Hafenbezirk hinter dem Tiefhafen, über den der größte Teil des Fernhandels abgewickelt wird. Neben dem Tiefhafen gibt es aber in Abernalon auch noch den Äußeren Hafen zwischen den Äußeren und Inneren Inseln beidseits des mittleren Hafentors; hier legen vor allem die Kurierschiffe von Groß-Danamere, aber auch die Kriegsschiffe der Vereinigten Flotten des Inselkreises an; sodann hinter dem ophischen Hafentor den Fischerhafen und den Werfthafen; und schließlich den Inneren Hafen zwischen dem Festland und den Inneren Inseln, rings um die gemeinsame Mündung von Hinteretsch und Vorderetsch. Der Innere Hafen wiederum ist in verschiedene kleinere Hafenanlagen auf den Inneren Inseln, auf den Etschinseln in der Flußmündung sowie in der Mittelstadt unterteilt; diese Anlagen werden fast ausschließlich von den einheimischen Reedern und Händlern genutzt, und sie sind nur zum Teil für Schiffe mit größerem Tiefgang geeignet, da viele Fahrrinnen hier keine große Tiefe aufweisen, einige gar nur bei Flut für Hochseeschiffe überhaupt nutzbar sind.

Hinter den Lagerhäusern und Hafenkaschemmen des Tiefhafens liegt der Alte Markt, ein von kreisförmig angelegten Straßen umgebener Platz. Auf dem Platz selbst stehen die ganze Woche über feste Marktstände; einmal pro Woche aber sind auch die umgebenden Straßen Schauplatz des Wochenmarktes, auf dem die Bauern der Umgebung ihr Gemüse und ihr Vieh feilbieten, aber auch Waren von Übersee angeboten werden, die Offiziere und Seeleute mit Laderecht in ihren Kabinen und Abteilen ins Land gebracht haben. Mehrmals im Jahr werden zudem Sondermärkte abgehalten, die von Fahrenden Händlern aus ganz Danamere bestückt werden.

Von dort aus ziehen sich mehrere Straßen zwischen prachtvollen Kontorgebäuden und Kaufherrenpalästen parallel zum Lauf der Hinteretsch hinauf zu den Inneren Mühlen, wo Kasimon damals den Mühlkanal in die Stadt führte, um die Wasserkraft für die unterschiedlichsten Mühlgewerbe zu nutzen. Auf dem Weg dorthin überqueren diese Straßen die Vorderetsch, die einst die alte Stadtgrenze kennzeichnete; von den früheren Wehranlagen entlang dieses Flusses ist zwar nichts mehr zu sehen, doch unmittelbar nach den Brücken werden die Straßen schon deutlich breiter. Zwei Tore führen vom Mühlbezirk vor die Stadt, jedes durch einen sechseckigen Turm hindurch, und von beiden kommt man durch ein zweites Tor in die Mühlenvorstadt, die einzige Stelle, wo Kasimons Entwurf durch eine Stadterweiterung verändert wurde, denn schon bald hatten sich entlang des Mühlkanals außerhalb der ummauerten Stadt weitere Mühlbetriebe angesiedelt, da innerhalb der Mauern die besten Plätze schon bald besetzt waren. Erst vor rund zehn Jahren sei nun auch die Mühlenvorstadt mit einer Mauer befestigt worden, in der Bauweise der Großen Mauer ähnelnd, jedoch anderthalb Mannslängen niedriger. Ein Wehrgang verbindet über den Stadtgraben hinweg die beiden Befestigungsanlagen miteinander, daneben eine beidseits mit Toren versehene Brücke; die zweite Verbindungsstraße zwischen den Inneren Mühlen und dere Mühlenvorstadt dagegen läuft durch einen offenen Zwinger, wo sie sich mit der Straße ins obere Tal der Vorderetsch und mit einer außerhalb der Mauern zum Vorderstadttor laufenden Straße kreuzt.

Ich hoffe nun, dem werten Leser damit ein überblickliches Bild der wichtigsten Stadtteile Abernalons gegeben zu haben, jedenfalls soweit sie sich auf festem Lande befinden; zu den Inseln will ich später noch mehr berichten.
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